Journal of Serendipitous and Unexpected Results: Wissenschaft vom Unerwarteten

Gaston Bachelard formulierte treffend: „Wissenschaft gibt es nur vom Verborgenen“. In einer Zeit, in der zwischen 80% bis 90% aller Wissenschaftler, die jemals gelebt haben, leben (so 2003 Peter Weingarts Einschätzung aus seinem Werk Wissenschaftssoziologie) sollte aber immer weniger verborgen sein. Nicht umsonst stellen viele Wissenschaftler die Frage, ob sich die Zeit der Big Science und der großen wissenschaftlichen Durchbrüche dem Ende entgegen neigt und Erkenntnisgewinne zukünftig eher auf Ebene der Subdisziplinen und mit kleiner theoretischer Reichweite zu erwarten sind.

Die Herausgeber des Journal of Serendipitous and Unexpected Results (JSUR) haben offensichtlich ein Faible für Verborgenes. Weniger für das verborgene Unbekannte, sondern mehr für das Verborgene im Bekannten: den Widerspruch. JSUR, peer reviewed und Open Access, ermuntert Autoren zu Einreichungen, die (ich übersetze aus der Journal-Homepage) „verbreitete Annahmen in Frage stellen oder überraschende Phänomene aufdecken“ sowie bestehenden und etablierten Hypothesen widersprechen. Widerspruch und Kritik sind zumindest normativ (etwa bei Karl Popper nachzulesen) konstituierende Elemente der Wissenschaftskommunikation. Faktisch werden in wissenschaftlichen Journalen Einreichungen eher positiv bewertet und publiziert, wenn sie verfestigte Theorien und Erklärungen nicht in Frage stellen. Widersprechen Studien etablierten Erklärungsmustern und den Resultaten der Studien, die diese Muster stützen oder sogar auf weitere Gegenstandsbereiche ausdehnen, wird es äußerst schwierig, die abweichenden Ergebnisse einem (Fach-)Publikum zugänglich zu machen. Das Verdienst des JSUR könnte es werden, eine überfachliche Publikationsoption für diese Befunde anzubieten: Unvoreingenommen und ohne Rücksicht auf Theorien, die in den Journals der einzelnen Fächer unantastbar scheinen. Obwohl JSUR sich vorrangig den Lebenswissenschaften widmet, dürfte es auch in den Sozialwissenschaften Bedarf an einem solchen Journal geben: Vermutlich könnten nicht wenige Ergebnisse aus immer wieder zitierten und unangefochtenen Untersuchungen in Replikationsstudien nicht verifiziert werden, z.B da bei der Analyse von Ursachen und Wirkungen Kontextvariablen wirken, die nie überprüft werden – weil die Ergebnisse mit gängigen Theorien und Erklärungen übereinstimmen. JSUR hat bislang zwar erst einen Artikel publiziert, aber dieser kombiniert vorzüglich Schalk mit Feyerabends Prinzip „anything goes“: In „Neural Correlates of Interspecies Perspective Taking in the Post-Mortem Atlantic Salmon: An Argument For Proper Multiple Comparisons Correction“ stellen die Autoren Bennett et al. die Aussagekraft der Ergebnisse von Studien unter Verwendung der funktionellen Kernspintomografie in Frage. Diese wird (oder – dank JSUR – wurde) von Neurowissenschaftlern als die Methode schlechthin betrachtet, um aus neurologischen Aktivitätsmustern das Zustandekommen emotionaler Zustände oder kognitiver Prozesse zu erklären. Beliebte Anwendungsfelder waren unter vielen anderen die Erforschung von Psychopharmaka, der Wahrnehmung, der Informationsverarbeitung und selbstredend allem was mit Trieb und Emotion zu tun hat. Bennett und Kollegen untersuchten in der in JSUR publizierten Studie mittels funktioneller Kernspintomografie einen toten Lachs und siehe da: Das Gehirn des Fisches reagierte auf Bilder von Menschen in unterschiedlichen emotionalen Zuständen. Nach Ansicht der Autoren entsteht dieses Ergebnis, wenn keine Korrekturrechnung zu Eliminierung statistischer Verzerrungen vorgenommen werden – was halb so schlimm wäre, würden nicht 25 bis 40 Prozent der Analysen diese Korrekturrechnungen unterlassen (s. Bennett 2010).

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