Open Correspondance visualiert Kommunikationsnetze der Offline-Ära – und auch der Online-Ära?

Art und Ausmaß, in dem Wissenschaftler einander beeinflussten und beeinflussen, werden üblicherweise in Zitationsgraphen darzustellen versucht. Diese bilden ab, welcher Autor einen anderen zitiert hat. Open Correspondence ist ein Tool, das die soziale Beeinflussung der Kreativen (Wissenschaftler, Intellektuelle, Schriftsteller) in der Offline-Welt darstellen kann. Im Hinblick auf die Kommunikation vergangener Tage hat Kollege Jonathan Gray einige Anwendungen und Datenquellen, mittels derer man Beziehungen und Einfluss ableiten und darstellen kann, bereits skizziert. Interessanterweise zieht er dabei auch Kriterien wie Buchbesitz oder -ausleihe in Bibliotheken heran.

Da die Vorläufer wissenschaftlicher Journale Briefe waren, in denen Wissenschaftler ihre Konzepte formulierten und die zur Diskussion an andere Wissenschaftler verschickt wurden, die dann wiederum Ihre Bewertung der Forschung per Brief verbreiten, ist Open Correspondence auch ein Werkzeug, mit dem Wissenschaftskommunikation vor Beginn ihrer Formalisierung analysiert werden kann. Allerdings bietet das Prinzip von Open Correspondence auch heute Etliches an reizvollen Optionen. Trotz Formalisierung der Wissenschaftskommunikation (in wissenschaftlichen Journals oder Konferenzbänden) läuft noch viel (und vor allem tagesaktuelle) Forschungskommunikation informell ab, in Twitter, in Blogs, Social Networks, in Mailinglisten (offen oder geschlossen), im direkten Mailaustausch oder von mir aus auch per Brief. Gelänge es, diese Informationen in Open Correspondence zu verwerten, erhielte man wohl einen akkurateren Eindruck der Wissenschaftskommunikation als Zitationsgraphen sie darstellen können: Sie bilden zu oft falsche Beziehungen ab, wenn etwa Wissenschaftler Werke zitieren, die sie nicht gelesen haben, oder aber sich bei der Wahl, ob sie nun einen etablierten Autoren zitieren sollen oder einen Newcomer, eher den ersten wählen, auch wenn sie vom zweiten mehr profitiert haben – um so demonstrieren zu können, dass sie auf dem Laufenden sind und die wichtigen Quellen kennen. Oder wenn Sie Informationen eines Kollegen verwerten, der nun mal partout nicht regelmäßig publizieren mag. Vielleicht ließe sich Open Correspondence derart erweitern, dass zumindest die Web 2.0 Kommunikation (Tweets & Retweets, Trackbacks, etc.) analysiert werden könnten. So würde auch die Wissenschaftskommunikation erfasst, die außerhalb der kanonisierten und formalisierten Publikationsorgane erfolgt.

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