Was das deutsche Bibliothekswesen von Österreich lernen kann …

Bibliothekare und Bibliotheken in Deutschland tun sich mit Open Access schon schwer. Die unter ihnen, die sich nicht schwer mit ihm tun, leiden derzeit. Klaus Graf legt den Finger regelmäßig in die klaffende Open Access Wunde des deutschen Bibliothekswesens und ich muss ihm meist zustimmen. Das Verhältnis der Bibliotheken zum offenen Zugang ist schizophren: Open Access Projekte nimmt man der Drittmittel wegen gern in Angriff, Open Access wird als neues Geschäftsfeld okkupiert (auch zur eigenen Existenzrechfertigung), aber Open Access praktizieren? Zwar kann man nicht alle Akteure über einen Kamm scheren und an vielen Standorten ist die Forderung nach Open Access kein Lippenbekenntnis, die Misere ist dennoch nicht zu leugnen.

Der Bibliotheksdienst, verantwortet vom Verband Bibliothek und Information Deutschland (BID), wechselt zu de Gruyter, womit die Zeitschrift ihre Open Access Policy dramatisch verschlechtert. Der Berufsverband Information Bibliothek (BIB) schließt Nicht-Mitglieder von der Nutzung der Jobbörse aus. Ein etwas unsolidarischer Akt: Vermutlich sind gerade arbeitslose Kolleginnen und Kollegen keine Mitglieder, weil sie unangenehmen Sparzwängen unterliegen, und daher von der Neuregelung benachteiligt. Und über die (vorsichtig formuliert) stattfindende Unternutzung des Open Access Repositories E-Prints in Library and Information Science (E-LIS) muss man nicht viele Worte verlieren: Publikationen aus dem deutschen Bibliothekswesen finden sich dort kaum (ich verweise auch hier auf Klaus Graf: http://archiv.twoday.net/stories/97070594/). Wie in aller Welt will man denn Wissenschaftler von Open Access überzeugen, wenn man ihn selbst nicht ausübt und implizit Zweifel an dessen Praktikabilität weckt?

Dass die Verbände den Finger nicht am Puls der Zeit haben, beweisen ihre Ignoranz tagesaktueller Modelle wie Open Bibliographic Data (die unmittelbar relevant für die Zielgruppe Wissenschaftler sind, allerdings auch eine Art Konkurrenz für Bibliotheken darstellen – es sei denn man integriert sie) und auch die agilen Diskussionen um neue Open Access Journale für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft (s. den Beitrag von Dörte Böhner in bibliothekarisch.de, http://bibliothekarisch.de/blog/2012/07/01/bibliotheksdienst-open-access-und-newlis/) und community-getriebene Jobbörsen (z.B. Lambert Hellers bibjobs http://bibjobs.wordpress.com/ oder Jens Wonke-Stehles [?] Phu Tus openbibliojobs unter https://sites.google.com/site/openbibliojobs/eingabe-formular).

Wie schon vor einiger Zeit im Kontext der Diskussion um die Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis (DGI) dargelegt, glaube ich nicht an Verbände als Organisationsformen. Was nicht heißen soll, dass Bibliotheksverbände per se anachronistisch sind oder (um ein konkretes Symptom von Gestrigkeit zu nennen) mit Open Access nicht umgehen können: Die Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VÖB) publiziert ihre Mitteilungen seit Ende 2010 Open Access. Es geht also doch. Ich für meinen Teil ziehe die Konsequenz, für Bibliotheksdienst und Co. bis auf Weiteres keine Artikel zu verfassen oder aber die Verlagspolicy zu ignorieren und die Autorenversion bei Erscheinen des Artikels in E-LIS Open Access zu stellen.

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