Zugang zu 50 zusätzlichen Artikeln pro Forscher erfordert von Entwicklungsländern eine Verzehnfachung der Forschungsausgaben

Die Wissenschaftsplattform Mendeley veröffentlichte heute ihren ersten Global Research Report (zum Download). Mendeley bietet eine Kombination aus Funktionen Sozialer Netzwerke und einer Online-/Offline-Literaturverwaltung. Der Service grenzt sich durch die starke Gewichtung der letzteren von anderen sozialen Netzwerken für Wissenschaftler ab und erlaubt auch das Teilen von Dokumenten in abgegrenzten Gruppen oder deren öffentliche Zugänglichmachung im Sinn des Open Access. Anlass zur Publikation des Reports ist das Überspringen der Zwei-Millionen-Nutzer-Grenze durch den Dienst.

Der Global Research Report basiert im Wesentlichen auf internen Daten Mendeleys und wertet (selbstverständlich anonym) die nationale und institutionelle Herkunft der Nutzer sowie Informationen zu deren Dokumentnutzung aus. Auch wenn die Auswertungen nicht repräsentativ und nur sehr begrenzt verallgemeinerbar sind, dürften sie einen gewissen Aussagegehalt haben, belegten doch zuletzt einige Studien, dass  Mendeley auf Ebene bestimmter wissenschaftlicher Zeitschriften teils über 95% der Artikel (z.B. im Fall  des Journal of the American Society for Information Science and Technology JASIST) nachweist und dass die Häufigkeiten, mit denen Wissenschaftler Dokumente in Mendeley verwalten, mit den zitationsbasierten Impact Metriken der Datenbanken Web of Science und Scopus sowie der Suchmaschine Google Scholar korrelieren (Literaturhinweise finden sich am Ende dieses Artikels).

Wirtschaftslage und Informationsverfügbarkeit
Die Auswertung des Reports verweist unter anderem auf die wirtschaftlichen Zwänge bei den Nutzungsmöglichkeiten wissenschaftlicher Informationen: Die Analyse der nationalen Herkunft der Nutzer, der Anzahl der von diesen in Mendeley verwalteten Literaturverweisen (denen zumeist Volltext-Dateien zugeordnet sind) und den Wirtschaftsdaten ihres Landes legt nahe, dass Entwicklungsländer ihre Pro-Kopf-Ausgaben für Forschung verzehnfachen müssten, um jedem ihrer Wissenschaftler Zugang zu 50 zusätzlichen wissenschaftlichen Artikeln im Subskriptionsmodell (oder Closed Access) zu ermöglichen.  Nutzer aus Ländern mit eingeschränktem Zugang zu wissenschaftlicher Literatur verbringen zudem weniger Zeit mit der Dokumentnutzung. Je höher aber die pro Land mit Dokumentnutzung verbrachte Zeit ist, desto mehr Zitationen entfallen auf Publikationen eines Landes und desto mehr Nobel-Preise heimsen dessen Forscher ein.
Bibliotheksgrößen der Nutzer
Der durchschnittliche Wissenschaftler verwaltet 1428,8 Literaturverweise in seiner Mendeley-Bibliothek. Vorne liegen dabei Nutzer aus West-Europa (187,1), Nord-Amerika (171,6) und Ost-Asien (156,2). Auf Länderebene führen argentinische Forscher mit durchschnittlich 267,6 Nachweisen, vor französischen (232,6) und deutschen Wissenschaftlern (222,9). Auf Institutionsebene horten die Angehörigen der schweizerischen Université de Lausanne die meisten Texte mit Mendeley (383,1) vor denen der United States Geological Survey (380,4) und des französischen Muséum National d’Histoire Naturelle (379,1). Aus deutschen Einrichtungen sind Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft die aktivsten Sammler, sie belegen mit durchschnittlich 357,4 verwalteten Literaturnachweisen Rang 4. Die erste deutsche Hochschule findet sich mit der Technischen Universität Berlin auf Platz 19.
Lektüredauer der Nutzer
Im September dieses Jahres verbrachten Forscher täglich durchschnittlich eine Stunde und 12 Minuten mit der Nutzung wissenschaftlicher Literatur in Mendeleys Desktop-Client, am lesefreudigsten waren west-europäische Forscher (eine Stunde und 19 Minuten), Wissenschaftler aus Ozeanien (eine Stunde und 18 Minuten) und Ost-Asien (eine Stunde und 15 Minuten). Das Länderranking führen die niederländischen Wissenschaftler mit einer Stunde und 25 Minuten an, gefolgt von ihren südafrikanischen Kollegen (eine Stunde und 24 Minuten)  und den Forschern aus dem Vereinigten Königreich (eine Stunde und 22 Minuten). China belegt Rang 4, Deutschland Position 6, die USA nur Platz 49: Trübe Aussichten für die USA, bedenkt man den Zusammenhang zwischen durchschnittlicher täglicher Lektüredauer und Nobelpreis-Aufkommen pro Land.

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