SAGE-Plattform diffamiert: Warum Open Access gut für Neo-Nazis ist…

nfam, peinlich, blamabel, rufmörderisch, unwissend – es fallen einem viele Worte ein, wenn man sich die Statements Robert Dingwalls auf der vom Wissenschaftsverlag SAGE betriebenen Plattform Socialsciencespace.com zu Gemüte führt. Die Lüge, Open Access unterminiere das Urheberrecht wird von Verlagsvertretern und deren Lobbyisten schon lange verbreitet, findet aber immer weniger Gehör – also zieht man auf Socialsciencespace.com die Zügel an und belehrt uns: „Why Open Access is Good News for Neo-Nazis“. Besagter Robert Dingwall, dem Verlag SAGE durchaus nicht abgeneigt (man betrachte seine Publikationsliste und seinen CV: 19 mal erscheinen Beteiligungen als Autor oder Herausgeber in SAGE-Produkten), arbeitet glasklar heraus: Ein wissenschaftlicher Artikel, der lebensweltliche Hintergründe und sozialisatorische Effekte für eine rechtsradikale Orientierung beschreibt, kann von rechtsradikalen Vereinigungen kapert und inhaltlich so umgestaltet werden, dass er ihnen als Werbebroschüre dient und die Botschaft vermittelt: „Die Wissenschaft beweist: Rechtsradikalismus ist völlig ok!“ Oder in den Worten Dingwalls:

„Take the possible example of a far-right political group studied by a political scientist. This might well result in a journal paper which demonstrates that the group’s members are not demons but ordinary men and women responding to economic and social challenges with strategies that seem reasonable to them, even if based on partial information or analysis by others’ standards.  Racism is not psychopathology but as an action that is wholly intelligible within a particular context.  For the author, the paper presents evidence that it is unhelpful to dismiss these people as bigots: the political system needs to recognize and address their grievances, without adopting their racist solutions. With a CC-BY licence, however, nothing stops the group taking hold of the paper, editing it down and using it as a recruitment tool: ‚Famous professor says we are just ordinary people responding in a reasonable way to the problems of our community…‘ You cannot pick and choose users: free access for Big Pharma is also free access for neo-Nazis.“

Hier schlummert die Gefahr des Open Access, zumindest für Dingwall, denn die derartige Umgestaltung eines Textes ist nur möglich, wenn dieser unter einer CC-BY-Lizenz steht. Womit Dingwall selbstredend profunde Unkenntnis demonstriert: Eine solche sinnentstellende Umarbeitung ist bei jedem Text möglich, zulässig ist er weder bei CC-BY-lizenzierten, noch bei beliebigen anderen Texten. Im Gegenteil: Bei Texten, die nicht Open Access verfügbar sind, sondern in den Magazinen weniger Bibliotheken schlummern, ist eine Manipulation sehr viel schwieriger nachzuweisen. Dingwall treibt die Zurschaustellung seiner Unwissenheit in schon fast selbstzerstörerischer Manier auf die Spitze, indem er tot geglaubte und tausende Male widerlegte Argumente, Open Access beraube Wissenschaftler ihrer Urheberrechte, zum Besten gibt – und das einer Zeit, in der kommerzielle Verlage zusehends Open Access und CC-BY-Lizenzierung in weiterhin dramatische Gewinne umzumünzen beginnen.

Die Plumpheit der SAGE-Propaganda ist zu offensichtlich und wenig verführerisch, man sehnt sich nahezu nach den guten alten Zeiten, als die Verlagslobby noch vergleichsweise perfide agierte und einen gewissen Eric Dezenhall (den Nature als „pit bull of public relations“ charakterisierte) engagierte, um Open Access als unseriös und qualitativ minderwertig zu verunglimpfen. Dingwall und SAGE hingegen stellen sich selbst bloß.

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