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Streisand im Getriebe der FAZ?

Ulrich Herb am 19.03.2013

Frankfurter Allgemeine Zeitung mahnt den bloggenden Archivar Klaus Graf ab

Vergangenen Mittwoch ging dem konfliktbereiten und streiterprobten Archivar und Blogger Klaus Graf ein Schreiben des Justitiars der Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ zu. Inhalt: Eine konstruiert begründete Abmahnung wegen eines Postings im Blog Archivalia.

Am 3. Februar diesen Jahres bezeichnete Graf die FAZ-Autorin Heike Schmoll als „Schavan-Freundin“. Er deutet in besagtem Posting eine für Frau Schavan vorteilhafte Berichtserstattung durch Schmoll an und verlinkt in seinem Beitrag auf zwei Blogs, Erbloggtes sowie Causa Schavan, deren Berichterstattung im Fall Schavan er den interessierten Lesern zur Kenntnisnahme empfiehlt. Die FAZ begründet ihre drastische Maßnahme nun damit, Graf habe auf das Blog Causa Schavan verlinkt, das wiederum behaupte, Schmoll sei die Lebensgefährtin Schavans. Folglich, so Graf in einem Zitat aus dem Abmahnungsschreiben, solle er „bei einer Vertragsstrafe von 5001 EUR die Veröffentlichung unterlassen‚ ‘dass Frau Dr. Heike Schmoll die Freundin und/oder die Lebensgefährtin von Frau Annette Schavan sei‘.“ Wohlgemerkt hat Graf diese Behauptung nie selbst aufgestellt, ja nicht mal auf eine, diese Aussage treffende Meldung in Causa Schavan verlinkt. Vielmehr, so Graf in seinem Blog-Posting, läge es, angesichts der Schavan-freundlichen Berichterstattung Schmolls, nahe, dass „Schmoll eine freundschaftliche Beziehung (im Sinne von: Journalisten pflegen Freundschaften zu Politikern) zu Schavan unterhielte“.

Die Blog-Welt kommentiert den Vorgang mit  unverhohlener Häme, Rechtsanwalt Thomas Stadler bezeichnet die Abmahnung im Blog Internet-Law  als „Farce“ und, als wäre das alles nicht schon peinlich genug, entgegnet Causa Schavan gar, nie eine sexuelle oder amouröse Beziehung Schavan-Schmoll behauptet zu haben. Erbloggtes wiederum wittert eine Art Legendenbildung zur Rehabilitation Schavans und mutmaßt, eine als homophob motivierte  Verklärung deren Titelentzugs könne Schavan wieder politisch hoffähig machen. Gleichviel, die Angelegenheit droht sich zu einem PR-Desaster für FAZ, Schmoll und Schavan auszuwachsen: Wo sich bislang kaum jemand öffentlich Gedanken über sexuelle Präferenzen der ehemaligen Ministerin machte, werden genau diese - unnötigerweise und inhaltlich für die Einschätzung des Entzugs ihres akademischen Titels völlig irrelevant- im Netz ausgiebig thematisiert. 
 
Plagiatsvorwürfe dürften diesmal jedoch keine aufkommen: Der Effekt der unkontrollierbaren Verbreitung einer Information, hervorgerufen durch vergebliche Maßnahmen genau diese zu verhindern, hat seinen Namen längst weg. Der sogenannte Streisand-Effekt ist benannt nach der Schauspielerin Barbra Streisand. Sie versuchte die Verbreitung eines Fotos ihres Anwesens zu verhindern und bewirkte letztlich, dass das zuvor in einer Datenbank von ca. 12.000 anderen Abbildungen kaum wahrgenommene Bild weltweite Aufmerksamkeit fand.

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