Public Knowledge Conference 2011 in Berlin

Gestern wurde das vorläufige Programm der PKP Conference 2011 bekannt gegeben:http://bit.ly/jDej1k. Die PKP 2011 findet vom 26.09. bis 28.09. an der Freien Universität Berlin statt.

Meiner Meinung nach vor allem interessant ist die Verbindung von Open Access und Open Science in Legotts Slot am 26.09 und die längst überfällige Erörterung der speziellen Open Access Situation in den Sozial- und Geisteswissenschaften, die in Sachen Open Access nach wie schlechter gestellt sind als Naturwissenschaften, Technik, Medizin und die auch von der DFG-Förderline „Open Access Publizieren“ nicht sehr profitieren dürften, da diese auf Journalartikel fokussiert.

Open Correspondance visualiert Kommunikationsnetze der Offline-Ära – und auch der Online-Ära?

Art und Ausmaß, in dem Wissenschaftler einander beeinflussten und beeinflussen, werden üblicherweise in Zitationsgraphen darzustellen versucht. Diese bilden ab, welcher Autor einen anderen zitiert hat. Open Correspondence ist ein Tool, das die soziale Beeinflussung der Kreativen (Wissenschaftler, Intellektuelle, Schriftsteller) in der Offline-Welt darstellen kann. Im Hinblick auf die Kommunikation vergangener Tage hat Kollege Jonathan Gray einige Anwendungen und Datenquellen, mittels derer man Beziehungen und Einfluss ableiten und darstellen kann, bereits skizziert. Interessanterweise zieht er dabei auch Kriterien wie Buchbesitz oder -ausleihe in Bibliotheken heran.

Da die Vorläufer wissenschaftlicher Journale Briefe waren, in denen Wissenschaftler ihre Konzepte formulierten und die zur Diskussion an andere Wissenschaftler verschickt wurden, die dann wiederum Ihre Bewertung der Forschung per Brief verbreiten, ist Open Correspondence auch ein Werkzeug, mit dem Wissenschaftskommunikation vor Beginn ihrer Formalisierung analysiert werden kann. Allerdings bietet das Prinzip von Open Correspondence auch heute Etliches an reizvollen Optionen. Trotz Formalisierung der Wissenschaftskommunikation (in wissenschaftlichen Journals oder Konferenzbänden) läuft noch viel (und vor allem tagesaktuelle) Forschungskommunikation informell ab, in Twitter, in Blogs, Social Networks, in Mailinglisten (offen oder geschlossen), im direkten Mailaustausch oder von mir aus auch per Brief. Gelänge es, diese Informationen in Open Correspondence zu verwerten, erhielte man wohl einen akkurateren Eindruck der Wissenschaftskommunikation als Zitationsgraphen sie darstellen können: Sie bilden zu oft falsche Beziehungen ab, wenn etwa Wissenschaftler Werke zitieren, die sie nicht gelesen haben, oder aber sich bei der Wahl, ob sie nun einen etablierten Autoren zitieren sollen oder einen Newcomer, eher den ersten wählen, auch wenn sie vom zweiten mehr profitiert haben – um so demonstrieren zu können, dass sie auf dem Laufenden sind und die wichtigen Quellen kennen. Oder wenn Sie Informationen eines Kollegen verwerten, der nun mal partout nicht regelmäßig publizieren mag. Vielleicht ließe sich Open Correspondence derart erweitern, dass zumindest die Web 2.0 Kommunikation (Tweets & Retweets, Trackbacks, etc.) analysiert werden könnten. So würde auch die Wissenschaftskommunikation erfasst, die außerhalb der kanonisierten und formalisierten Publikationsorgane erfolgt.

Zitationstracking und Autorenprofile in GoogleScholar

Letzte Woche kündigte Google nach längerer Zeit wieder ein neues Feature seiner Wissenschaftssuchmaschine an. In GoogleScholar ist es nun möglich, Autorenprofile zu erstellen und Zitationen eigener Publikationen nachzuverfolgen (wer‘s englisch mag: zu tracken). Auf Basis statistischer und heuristischer Analysen werden Publikationen und deren Zitationen Autorennamen zugeordnet. Man darf gespannt sein wie gut dies gelingt – schließlich widmet sich mit ORCID ein ganzes Konsortium von Wissenschaftsverlagen, Datenanbankanbietern und Wissenschaftsdienstleistern der Autorendisambiguierung. GoogleScholar berechnet drei unterschiedliche Metriken: den h-Index, den i-10 Index (der nur Publikationen mit mehr als zehn Zitationen berücksichtigt) und die Gesamtzahl an Zitationen, die auf Publikationen eines Autors entfallen. Diese drei Metriken werden in zwei Varianten berechnet: unter Berücksichtigung aller Veröffentlichungen eines Autors sowie unter ausschließlicher Berücksichtigung der Veröffentlichungen der letzten fünf Jahre. Die Zuordnung der Publikationen zu einem Autoren kann automatisch oder auf einen GoogleScholar-Vorschlag hin durch den Verfasser geschehen. Das Nachbessern der bibliographischen Daten und Verbessern anderer Fehler soll ebenso möglich sein wie das händische Hinzufügen neuer oder der fehlender Artikel.

Das Zitationstracking muss nicht, kann aber in Form eines Autorenprofils öffentlich zugänglich gemacht werden. Eine Autorensuche in GoogleScholar führt dann zu diesem Profil. Exemplarisch verweist das Blog auf das Profil des GoogleScholar Chefentwicklers Anurag Acharya – der nicht nur einen vortrefflichen h-Index aufweist, sondern auch exquisite Vorträge hält. Acharyas Profil verrät, dass GoogleScholar eine Netzwerkkomponente en miniature enthält: Sein Profil verweist auf das seines Kollegen Alex Verstak. Die Anzahl der möglichen Nutzerprofile mit Zitationstracking ist derzeit limitiert, wer mag, kann einen Zugang online anfordern. Ob und wann dieser gewährt wird, ist nicht ersichtlich.

Übrigens nimmt Google nicht an ORCID teil, wohingegen Microsoft ein Gold Sponsor der Initiative ist.

SZ, DFG und die Wut-Verleger

Wenn eines der Lieblingsblätter der links-konservativ Aufgeklärten im „Bauer sucht Frau“-Jargon titelt: „Wut-Wissenschaftler attackieren Bürokratie-Wahnsinn“ (Chapeau, Herr Bisky!), dann – das muss ich eingestehen – werde ich schwach und lese einen Artikel der Süddeutschen Zeitung SZ, deren Sattheit mir sonst partout nicht liegt. Und ich werde nicht enttäuscht: Reuß, Jochum und Co. blasen zum Frontalangriff gegen die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG.  Vorab: Man kann an der DFG bestimmt Kritik üben. Unbestritten ist sicher, dass man über den Expertenstatus mancher (und wenn man mag prinzipiell aller) Gutachter streiten kann und dass ein Bewertungsverfahren immer sozialen Verzerrungen unterworfen ist. Dazu gibt es ausreichend empirische Evidenz und man kann vermutlich eine Vielzahl der Kritikpunkte an der Begutachtung wissenschaftlicher Texte (Intransparenz, Netzwerkbildung, Tendenz zur Bevorzugung von Einreichungen aus anerkannten Einrichtungen, Tendenz zum wissenschaftlichen Konservatismus, etc. etc.) auch auf die Begutachtung von Anträgen auf Forschungsförderung ausweiten. Die Ursachen dieser Verzerrungen sind vielfältig und können meiner Meinung nach vom Streben nach Sicherheit bis hin zur Cliquenbildung reichen – sie sind der menschlichen Natur geschuldet und entfalten sich ungehindert im Schutz der Intransparenz des Begutachtungsprozesses. Hier gäbe es durchaus transparente und diskursive Alternativen, die von anderen Forschungsförderern auch erfolgreich praktiziert werden (dazu bald an anderer Stelle mehr) und die ich als sehr erfreulich erachte. Aber anstatt zu diskutieren, wie man den Begutachtungsprozess von Forschungsanträgen transparenter und effizienter gestalten könnte (die Überschrift „Gutachter arbeiten anonym“ lockt zwar, im Text findet sich aber nicht eine Silbe zum Thema), gibt die SZ blindwütigen Kritikern Platz zur DFG-Schelte – ohne zu merken, dass diese sich aufführen wie eifersüchtige Verliebte, frustriert, weil die Umworbene sich ganz gut mit Anderen versteht – zum Beispiel mit Open Access. Übrigens: Von fünf Akteuren der Podiumsdiskussion, auf die die SZ referiert, waren nur zwei Wissenschaftler, dazu kamen ein Bibliothekar und zwei Verleger, die sich mit Open Access schwer tun. Herr Bisky hatte ebenso gut wie die Wut-Wissenschaftler die Wut-Verleger zum Aufhänger machen können und hätte damit die Kritisierenden wohl treffender beschrieben.

Open Access – Closed Discourse or Open Knowledge?

Um 18 Uhr gehalten, jetzt online: Mein Vortrag Open Access – Closed Discourse or Open Knowledge? bei der Open Knowledge Conference 2011 über das Offenheitsprinzip der Open Knowledge Foundation (manifestiert in der Open Definition) und dem vergleichsweise konservativen und geschlossenen Offenheitsansatz im Open Access. Die wichtigste Frage lautet: „What can Open Access learn from the Open Knowledge Initiatives?“

Open Access in den Sozialwissenschaften

*** Update für Interessierte: Mittlerweile ist meine Dissertation zu diesem Thema erschienen: Open Science in der Soziologie – Eine interdisziplinäre Bestandsaufnahme zur offenen Wissenschaft und eine Untersuchung ihrer Verbreitung in der Soziologie. ***

Open Access ist nach wie vor eine Publikationsstrategie, die stark die Begebenheiten im Bereich von Naturwissenschaften und Medizin berücksichtigt und die vor allem in diesen Fächern erfolgreich umgesetzt wird. So publizieren der größte (BioMed Central) und auch der wohl angesehenste Open-Access-Verlag (Public Library of Science, PLoS) ausschließlich Journals aus dem genannten Spektrum. Auch andere Erfolgsgeschichten des Open-Access-Publishing wurden vorrangig im Bereich Naturwissenschaften und Medizin geschrieben, so im Falle des Journals Atmospheric Chemistry and Physics (ACP).

Die Dominanz dieser Fächer im Open Access Publizieren rührt zum einen wohl von deren Publikationstraditionen her: Geringere Halbwertszeiten der Fachinformation erforderten schnelleren und unproblematischeren Zugang zu Dokumenten als es in anderen Fächern vielleicht nötig war. Zudem waren diese Fächer stärker als andere von den Engpässen in der wissenschaftlichen Literaturversorgung aufgrund der steigenden Journalpreise (und der daraus hervorgehenden Zeitschriftenkrise) betroffen und formulierten Alternativmodelle wie Open Access. Zu guter Letzt dürfte auch die höhere Technikaffinität der Wissenschaftler dieser Fächer zu einem Vorsprung im Open Access Publizieren geführt haben, da man verständlicherweise die Plattformen von Wissenschaftsverlagen nicht nutzen konnte und demzufolge die ersten Publikationsangebote in Eigenregie entwickelte und betrieb.

In den Sozialwissenschaften bestehen hingegen andere Ausgangsvoraussetzungen: Während in den oben erwähnten Fächern das Modell der Autorengebühren auch im konventionellen (Toll-Access-)Publizieren verbreitet und akzeptiert ist, ist es in den Sozialwissenschaften unüblich als Wissenschaftler für die Publikation eines Journalartikels zu zahlen. Laut einer Studie der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG aus dem Jahr 2005 waren nur 8,8% der Sozial- und Geisteswissenschaftler mit diesem Modus vertraut, bei den Ingenieurwissenschaftlern waren es 24,7%, bei Naturwissenschaftlern 50,3% und bei den Lebenswissenschaftlern (worunter auch Biologie und Medizin subsummiert sind) 79,7% (DFG 2005, S. 53). Dies bedeutet aber auch, dass das bei Open-Access-Journalen sehr verbreitete Modell der Finanzierung über Autorengebühren bei Sozialwissenschaftlern ungebräuchlich ist. Folglich lehnen Wissenschaftler aus den Geistes- und Sozialwissenschaften das Author-Pays-Modell für Open Access deutlich ab: In der erwähnten Studie sprachen sich nur 9% für diesen Modus aus. Unter den Befragten aus den Lebenswissenschaften waren dies 24,6%, bei den Naturwissenschaftlern 15,2% – einzig bei den Ingenieurwissenschaftlern stieß dieses Modell auf vergleichbare negative Resonanz. Sie waren nur in 8,2% der Fälle bereit Autorengebühren für Open-Access-Artikel zu akzeptieren (DFG 2005, S. 57).

  • Von wenigen Ausnahmen abgesehen (etwa dem Journal Forum Qualitative Sozialforschung FQS) existieren in den Sozialwissenschaften wenige akzeptierte Open-Access-Publikationsangebote, dies gilt vor allem für die in diesem Fachkontext sehr wichtigen Monografien. Der hohe Stellenwert der Monografien dürfte die Verbreitung von Open Access mindern, da im Open-Access-Monografiensektor generell wenige tragfähige Geschäftsmodelle zu finden sind. Dies dürfte teils durch spezifische Anforderungen im Monografiengeschäft bedingt sein, in dem Zusatzdienste wie Drucklegung, Satz, Lektorat einen anderen Stellenwert haben als im reinen Online Publizieren, das im Open-Access-Journalsektor nicht unüblich ist. Dazu kommt die erwähnte fehlende Tradition von Autorengebühren als Finanzierungsmodell.

Die im Vergleich zu Naturwissenschaften und Medizin geringere Verbreitung von Open Access in den Geistes- und Sozialwissenschaften ergibt sich demnach vorrangig aus Finanzierungsaspekten und den fehlenden Geschäftsmodellen. Dazu kommt die fachliche Präferenz für das Publizieren in Monografien, für die es in der Open-Access-Welt sehr wenige reputierte Anbieter gibt. Bezüglich des Geschäftsmodells sollte allerdings nicht vergessen werden, dass es mehr als fraglich ist, ob es in einem Segment, in dem so gut wie kein Endnutzergeschäft durch Verkäufe von wissenschaftlichen Monografien an natürliche Personen existiert, von einem Markt die Rede sein kann. Traditionell werden solche Monografien von wissenschaftlichen Bibliotheken stellvertretend für eine Vielzahl an Wissenschaftlern gekauft, womit der Markt und der Verkauf seit jeher von der öffentlichen Hand alimentiert sind.

Der Stellenwert der Monografien erschwert auch in anderer Hinsicht die Adaption von Open Access in den Sozialwissenschaften. Die aktuelle Förderlinie „Open Access Publizieren“ der DFG ermuntert deutsche Universitäten dazu, Open-Access-Publikationsfonds einzurichten: Vier Fünftel des Fonds werden von der DFG getragen und nur ein Fünftel von der jeweiligen Universität. Aus diesen Fonds können ausschließlich Publikationen in Open-Access-Journalen bestritten werden, nicht in Monografien. Die zusätzliche Bedingung wonach nur Publikationen in Journalen, die eine Qualitätssicherung über Peer Review betreiben, erstattet werden können schließt Organe, die andere Techniken der Qualitätssicherung (z.B. Editorial Review) anwenden, aus und bevorzugt tendenziell Journale aus dem naturwissenschaftlich-medizinischem Bereich. Da die DFG ihre Initiative nur als eine Art Anschubfinanzierung versteht, sollen diese Fonds mittelfristig zur Gänze von Universitäten getragen werden. Üblicherweise werden diese Fonds von den Hochschulbibliotheken verwaltet, die sich so in einem wandelnden Publikationswesen vom Literaturbeschaffer zu einem Berater in Publikationsstrategien entwickeln könnten. Damit einher gehen dürfte allerdings auch die Tendenz, den Literaturbeschaffungsetat zumindest teilweise in die besagten Publikationsfonds umzuwidmen – was vermutlich zu einer Schwächung des Erwerbungskontingents für Monografien zugunsten der journalfixierten Open-Access-Publikationsfonds führen dürfte: Eine Tendenz, die seit Aufkommen Zeitschriftenkrise im Subskriptionssegment (Kopp, 2000) besteht und nun in den Bereich des Open Access Publizierens durchschlagen könnte.

Die geringere Verbreitung von Open Access in den Sozialwissenschaften scheint aber vor allem strukturell bedingt, denn die Akzeptanz für Open Access ist nicht weniger ausgeprägt als in anderen Fächern: 68,7% der in der DFG-Studie befragten Sozial- und Geisteswissenschaftler bewerteten Open Access als Beitrag zur Verbesserung des Zugangs zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, über alle Fächer hinweg stimmten 68,8% der Wissenschaftler dieser Aussage zu (DFG 2005, S. 49). Zu ähnlichen Ergebnissen komme Sünje Dallmeier-Tiessen und Anja Lengenfelder (2011, S. 9) bei der Auswertung der Daten aus dem Projekt Study of Open Access Publishing (SOAP) für die deutschen Sozialwissenschaften: Sozialwissenschaftler schätzen Open Access in gleichem Ausmaß wie andere Wissenschaftler, allerdings publizieren sie deutlich weniger Artikel in Open Access Journalen.

 

Literatur

Dallmeier-Tiessen, S. & Lengenfelder, A. (2011). Open Access in der deutschen Wissenschaft – Ergebnisse des EU-Projekts „Study of Open Access Publishing“ (SOAP). GMS Medizin — Bibliothek — Information, 11(1-2), 1-12.
doi: 10.3205/mbi000218.

Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG (2005). Publikationsstrategien im Wandel? Ergebnisse einer Umfrage zum Publikations- und Rezeptionsverhalten unter besonderer Berücksichtigung von Open Access. Weinheim: Wiley. Online: http://www.dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/evaluation_statistik/programm_evaluation/studie_publikationsstrategien_bericht_dt.pdf.

Kopp, H. (2000). Die Zeitschriftenkrise als Krise der Monographienbeschaffung. Bibliotheksdienst, 34(11), 1822-1827.
Online: https://doi.org/10.1515/bd.2000.34.11.1822

 

Cite this article as: Ulrich Herb, Open Access in den Sozialwissenschaften, in scinoptica, 1. Juli 2011, https://www.scinoptica.com/2011/07/open-access-in-den-sozialwissenschaften/.