Die Augen der Vielen – Plagiate unter Open Access

An der Universität Mainz fand heute eine Tagung mit dem Titel „Plagiate & Co – Wissenschaftliches Fehlverhalten ist (k)ein Kavaliersdelikt“ statt: Gerhard Fröhlich äußerte sich zu Spielarten akademische/wissenschaftlichen Fehlverhaltens, Deborah Weber-Wulff referierte zu Plagiatserkennungssoftware, Dirk von Gehlen zum Thema Nachahmer als Vorbilder – warum das Kopieren zu loben ist. Die Beiträge von Eric Steinhauer (Der Begriff des Plagiats und seine Rechtsfolgen im Rahmen von Promotionsverfahren) und Eva Inés Obergfell (Der wissenschaftliche Ghostwriter und seine Urheberpersönlichkeitsrechte) konnte ich leider nicht verfolgen. Die Folien meines eigenen Vortrags mit dem Titel Die Augen der Vielen – Plagiate unter Open Access: „Given enough eyeballs, all bugs are shallow“ können hier heruntergeladen werden. Dirk von Gehlens Buch Mashup: Lob der Kopie werde ich auf jeden Fall lesen und tendiere schon jetzt (auf Basis seines Vortrages) dazu, es auch anderen zu empfehlen.

Alternative Metriken mit dem Altmetric Explorer?

Zum 01. Juni geht mit dem Altmetric Explorer ein weiterer Service online, der alternative Impact-Metriken bereitstellen will. Hier einige Eindrücke, die ich mit einem Test-Zugang sammeln konnte.

Der Altmetric Explorer informiert über die Erwähnungen (oder Zitationen) einzelner Publikationen in Social Media Services wie Twitter, Google+, News Outlets, Science Blogs, Facebook oder Reddit. Die Suche kann durch Zeitraum der Erwähnung, nach publizierendem Journal, nach Verlag und erwähnendem Services (s.o.) sowie Medline Subject eingeschränkt werden. Die eigentliche Suche erfolgt über Schlagworte, zusätzlich kann der Impact eines bestimmten Dokuments erfragt werden, in dem gezielt nach dessen Identifier gesucht wird. Der Altmetric Explorer erlaubt im ensprechenden Feld Suchen nach DOIs, arXiv IDs, RePEc Identifier, Handles oder PubMed IDs. Die Ergebnisse der Suche können als Excel-Datei exportiert werden und einzelne Suchen als Report abgespeichert werden.

Eine Einschätzung auf die Schnelle: Mir erscheint die Auswahl der ausgewerteten Services unklar, warum wird z.B. Facebook ausgewertet, dafür aber ein Dienst wie Mendeley, der dezidiert wissenschaftliche Informationen verwaltet, nicht? Gleiches gilt für CiteULike und andere Datenpools, die allesamt offene Schnittstellen anbieten und einfach in einen Service wie den Altmetric Explorer zu integrieren sind. Auch Google Scholar ist nicht eingebunden. Anscheinend ist der Dienst kostenpflichtig, das überrascht ebenfalls ein wenig, da ähnliche Tools wie Science Card und Total Impact kostenlos sind. Für Verlage existieren Angebote, die diese womöglich tatsächlich reizen könnten: Sie können auf den Abstractseiten ihrer Publikationen Impact Scores auf Artikelebene anzeigen. Diese Funktion scheint genauso kostenlos zu haben zu sein wie das Bookmarklet, das anscheinend auf COinS basiert oder beim Aufrufen von Abstractseiten wissenschaftlicher Artikel vorhandene Identifier ausliest und dem Nutzer den vom Altmetric Explorer errechneten Impact anzeigt. Der Service wirbt laut Website implizit mit Evaluierungsfunktionen: Für Verlage betont man die Möglichkeit Journal Rankings zu erstellen und die eigene Social Media Strategie zu überprüfen. Auf den ersten Blick erscheint mir fraglich, ob dieses Ziel mit den erwähnten Mitteln erreicht werden kann – neben dem Fehlen wichtiger wissenschaftlicher Social Media Services wie Mendeley und CiteULike bleibt auch unklar, wie man etwa alle einen Artikel erwähnenden Tweets (gegebenenfalls zeitlich unbegrenzt zurückschauend) erfassen will (v.a. wenn diese unter Umständen nicht über den DOI oder andere erfasste Identifier referenziert werden), wie man dem Impact von Dokumenten auf Repositories erfassen will (die oft keinen der erwähnten Identifier nutzen) und wie man Social Media Mentions auf in unterschiedlichen Versionen vorliegende oder mit unterschiedlichen Identifiern referenzierte Dokumente bestimmen und zusammenführen will.

Europäische Union macht Open Access zur Norm

Es hatte sich schon herumgesprochen, kürzlich berichtet nun auch die Times of Higher Education (THE) darüber: Im neuen EU-Programm, genannt Horizon 2020, sollen Forschungsgelder in Höhe von 80 Milliarden Euro ausgeschüttet werden. Alle Textpublikationen, die aus Forschungsprojekten innerhalb Horizon 2020 hervorgehen, müssen verpflichtend Open Access verfügbar gemacht werden. Die offizielle Policy soll noch vor Sommer bekanntgegeben werden. Mehr dazu in Elizabeth Gibenys THE-Artikel Muscle from Brussels as open access gets an €80bn boost, der auch erwähnt, dass Elsevier die Pläne der EU nicht kommentieren will und dass diskutiert wird, ob Publikationsgebühren in Open Access Journalen auch nach Projektende vom Förderer getragen werden.

access2research

Open Access Befürworter können bis zum 19. Juni 2012 die Petition access2research unterzeichnen. Findet diese binnen 30 Tagen, bis zum genannten Stichtag, 25.000 Unterzeichner müssen die Forderungen der Petition von der Obama-Regierung in Policy- und konkreten Maßnahmendiskussionen berücksichtigt werden. Allem Anschein nach kann die Petition auch von Personen außerhalb der USA unterzeichnet werden, sofern diese das dreizehnte Lebensjahr vollendet haben. Sie fordert den freien Zugang zu wissenschaftlichen Journalartikeln, deren Erstellung mit öffentlichen Mittel gefördert wurde. Nicht explizit genannt wird der Zugang zu anderen von der öffentlichen Hand geförderten Informationsitems wie Monografien oder Daten. Ebenso wenig ist von offenem Zugang zu den Publikationen, der  z.B. Textmining ermöglicht, die Rede.

Die Initiatoren, allesamt einschlägig bekannte Open Access Vertreter (Michael Carroll, Heather Joseph, Mike Rossner und John Wilbanks), referieren stark auf die Open Access Policy der National Insitutes of Health (NIH), der es gelungen sei von der NIH geförderte Publikationen in großem Stil Open Access zu stellen, ohne das Geschäftsmodell wissenschaflticher Verlage  zu beschädigen.

Weitere Informationen zur Petition finden sich unter: http://access2research.org.

Die Open Access Preisfrage

Peter Binfield, Mitgbegründer der Open Access Journal Familie Public Library of Science (PLoS), kündigt mit PeerJ einen Open Access Publikationsservices an, der bei einmaliger Zahlung lebenslanges Publizieren ermöglicht. Der Clou: Die Flatrate ist ab 99 US-Dollar zu haben und sticht damit alle Open Access Journale finanziell aus, die durchschnittliche Artikelgebühr beträgt derzeit ca. 900 US-Dollar. Mehr dazu bei

 

Heinz Pampel: PeerJ: Open-Access-Publizieren für eine Pauschalgebühr von 99 US-Dollar. In: wisspub.net, 09.05.2012

Lambert Heller: Autorengebühren bei Open Access Journals: Ein Wettlauf nach unten. In: TIB/UB log, 11.05.2012

oder in meinem Artikel: Was kostet Open Access für wissenschaftliche Veröffentlichungen? In: Telepolis, 16.02.2012

Veranstaltungshinweis: Social Media in der Wissenschaft

Wem die National Science Foundation Forschungsmittel bewilligt, der muss soziale Medien zur Öffentlichkeitsarbeit für sein Projekt nutzen. Was in den USA bereits auf Akzeptanz stößt, wird auch in Deutschland im Forschungsalltag immer wichtiger: Wissenschaftskommunikation via Social Media wie Blogs und Twitter oder spezieller sozialer Netzwerke, den sogenannten “Facebooks für Wissenschaftler/innen”.  Web-affine Disziplinen und Forscher nutzen auch hierzulande schon seit längerem Social Media und soziale Netzwerke als Werkzeuge zur Recherche, Dokumentverwaltung, Kollaboration, gemeinsamen Literaturverwaltung und Textbearbeitung. Der Workshop “Social Media in der Wissenschaft” findet  im Rahmen des Graduiertenprogramms der Universität des Saarlandes (GradUS) statt und  stellt Social Media-Anwendungen für Wissenschaftler/innen vor und beleuchtet die Frage, inwiefern Social Media Services dazu geeignet sind, die Wirkung (oder den Impact) wissenschaftlicher Inhalte zu erfassen.

Ort: Universität des Saarlandes

Termin: 16.07.2012 von 15:00 bis 19:00 Uhr

Weitere Informationen und die Möglichkeit zu Anmeldung finden Sie unter: http://www.uni-saarland.de/campus/forschung/gradus/programm/aktuelles-workshop-angebot/social-media-in-der-wissenschaft.html

Elsevier & der akademische Frühling

Das Leibniz Informationszentrum Wirtschaft (früher: Deutsche Zentralbibliothek Wirtschaftswissenschaften ZBW) veröffentlichte heute eine Pressemitteilung über eine Befragung deutscher Wirtschaftswissenschaftler zu deren Haltung zum Elsevierboykott. Der poetisch-pessimistische Titel der Pressemitteilung lautet „Elsevier-Boykott: Akademischer Frühling in Deutschland eher verregnet„. Es ist mehr als gut, dass die ZBW ihre Klientel zu deren Position bezüglich des Elsevierboykotts befragt und auch für Außenstehende interessant. Ich vermutete ja schon zur Zeit der Diskussion des Boykotts in der Mailingliste Inetbib, dass Verlage die Anfeindungen der Bibliotheken gegen ihre Geschäftsmodelle zwar recht kalt lassen – dass sie aber Respekt vor Kritik oder, sagen wir mal pauschal, sozialer Formierung seitens der Wissenschaftler haben. Dies bestätigte mir kürzlich übrigens ein Vertreter der Verlagslobby. Aber zurück zum Thema: Was zählt, ist meiner Auffassung nach die Meinung der Wissenschaftler und diese wurde von der ZBW glücklicherweise erhoben. So niederschmetternd, wie im Titel der ZBW-PM angerissen, erscheinen mir die Ergebnisse nicht: 7,5% der antwortenden Wirtschaftswissenschaftler (igs. 813) haben den Boykottaufruf unterzeichnet, ca. 39% entschieden sich bewusst (sprich: informiert) gegen eine Teilnahme am Boykott, ca. 8 Prozent waren weder interessiert, noch informiert  – und für knapp 46% war der Boykottaufruf bis zum Start der Befragung am zweiten Mai unbekannt. Auch unter diesem Gesichtspunkt erscheint die ZBW-Initiative mehr als begrüßenswert: Bei einem derart hohen Grad an Uninformiertheit kann man getrost von einer aktivierenden Befragung sprechen.

Aktivierende Befragungen sind eine Methode aus der Sozialarbeit/-pädagogik oder Gemeinwesensarbeit, die, Zitat von Christof Stoik aus Sozialraum, Personen darin „unterstützen, sich für die eigenen Interessen zu organisieren, einzusetzen und sich zu solidarisieren.“ Ohne jetzt in Sozialjargon verfallen zu wollen: Diese Funktion der Befragung ist wichtig, sei sie beabsichtigt oder nicht. Und um Organisation und gewissermaßen Solidarisierung ging es auch beim Boykottaufruf: Was stört es, wenn ein Wissenschaftler Elsevier durch seine Arbeit nicht mehr fördern will? Wenn sich viele öffentlich zu diesem Schritt bekennen, ist jeder einzelne eher davon überzeugt, etwas bewirken zu können und es fällt jedem weiteren zögernden Wissenschaftler leichter sich zu solidarisieren. So etwas macht eine soziale Bewegung aus. Sicher vertrauen Wissenschaftler Mechanismen, Akteuren und Institutionen, denen sie das für ihren Karriereweg notwendige wissenschaftliche Kapital verdanken und dazu können auch Elsevier und dessen Journale zählen. Daraus zu schließen Wissenschaftler seien nicht bereit, anderen Akteuren und Institutionen ihr Vertrauen zu schenken, ist aber falsch – besonders, wenn diese ihr berufliches Vorankommen zu befördern versprechen können. Wissenschaftler sind meiner Meinung nach diesbezüglich promisk. Und so schlecht sind die Zahlen der ZBW-Erhebung nicht: Bei fast 50% antwortenden Wissenschaftlern, die den Boykottaufruf nicht kannten, stehen die Chancen nicht so schlecht, dass sich auch unter ihnen 7,5% Unterzeichner finden, womit man dann bei (zugegebenermaßen hypothetischen) 15% liegen könnte. Die Wirtschaftswissenschaften sind, das soll die Arbeit der ZBW nicht schmälern, vielleicht kein Musterbeispiel eines unter Elseviers Politik leidenden Faches. In dieser Disziplin existiert eine ausgeprägte Preprint-Tradition und es bestehen, soviel ich weiß, qualitativ hochwertige graue Reihen, die sehr häufig Open Access zirkulieren, unter anderem über das Server-Netzwerk Research Papers in Economics RePECEs scheint es diesem Fach damit auch zu gelingen, Elseviers dubiose Open Access Policy zu unterlaufen, die das Ablegen von Dokumenten in disziplinären Open Access Repositories verhindern will.

Auch wenn ich nicht so naiv bin, fest davon auszugehen Elsevier würde seine Praktiken kurzfristig umwälzend ändern, bin ich doch zuversichtlich was die weitere Entwicklung angeht. Und auch wenn der Zusatznutzen jedes weiteren Boykott-Unterzeichners irgendwann stark sinken wird, entwickelt sich die Initiative fort und entfaltet Wirkungen mit Symbolkraft und Personifizierungen – wovon der Medienwert aller Ereignisse bestimmt wird und schlechte Presse fürchtet Elsevier ganz sicher: Laut Handelsblatt hatte die Berichterstattung über den Boykottaufruf sinkende Kurse der Elsevieraktie zur Folge. Zu diesen symbolischen Aktivitäten zählt der heute im Guardian mit den Worten „I can no longer work for a system that puts profit over access to research“ bekanntgegebene Rücktritt des Mitherausgebers des Elsevier Journals Genomics Winston Hide. Auch eine französische Mathematikerin erzählte mir kürzlich sie und ihre Kollegen aus dem Herausgeberstab eines Elsevier-Journals ließen bis Herbst alle Tätigkeiten für das Journal ruhen, bis dahin erwarte man von Elsevier Pläne einer wissenschaftsfreundlicheren Geschäftspolitik. Lege der Verlag diese nicht vor, sei ein Niederlegen der Tätigkeit geplant. Auf meine Frage, ob sie sich im Streik befinde, antwortete sie mir: „Ich kann nicht im Streik sein, dazu müsste Elsevier mich bezahlen“.

Cite this article as: Ulrich Herb, Elsevier & der akademische Frühling, in scinoptica, 16. Mai 2012, https://www.scinoptica.com/2012/05/elsevier-der-akademische-fruehling/.