Horizon 2020: Open Access light?

Die Open Access Community hat große Hoffnungen in die Open Access Richtlinien des 2014 startenden EU Framework Programme Horizon 2020 gesetzt, versprachen diese doch die offene Verfügbarmachung von Forschungsdaten und Publikationen, die aus Förderung durch Horizon 2020 hervorgingen. Der aktuelle Entwurf (hier online) weicht diese Haltung aber deutlich auf und bietet eine Vielzahl an Schlupflöchern, um die Open Access Stellung zu umgehen. Peter Suber beklagt in seinem Kommentar zudem die Verengung auf Gold Open Access: „Because of the vagueness, we can’t easily tell whether OA is mandatory *only* when delivered by ‚research publications‘ (journals). If so, then this is a gold OA mandate, which is vastly inferior to the green OA mandate in the original Horizon2020 plan.“

Claudia Koltzenburg schlägt vor man solle die Mitglieder des Europäischen Parlaments angehen, um Open Access in Horizon 2020 wieder zu stärken und hat eine entsprechende E-Mail vorformuliert. Die Mitglieder des Europäischen Parlaments können Sie hier recherchieren.

Open Movement?

In einem Gastbeitrag bei Netzpolitik fragt Stefan Baack: Gibt es ein „Open Movement“? Das Posting berührt ein Thema, die ich mich auch sehr interessiert: Wie stark ist die Verbindung zwischen den einzelnen Domänen, für die Offenheit gefordert wird? Kann man von einem  gemeinsamen Kanon ausgehen, der den Begriff Bewegung rechtfertigt?

Ganz abgesehen davon, dass die Vorstellung dessen, was Offenheit sein soll, innerhalb und zwischen Domänen variiert: Wir müssen uns wohl von der Offline-Vorstellung sozialer Bewegungen lösen. Open Source könnte, in meiner Wahrnehmung, durchaus als Bewegung charakterisiert werden. Die Zielvorstellungen in der Domäne sind eher homogen, das Regime zur Erreichung der Ziele ist durch akzeptierte Prinzipien recht klar. Anders aber schon beim Open Access: Dieser wird meiner Meinung nach in Deutschland stark von Wissenschaftseinrichtungen propagiert, Wissenschaftler nehmen deren Argumente und Vorgaben an und praktizieren schließlich Open Access. Der Ansatz ist aber eher vom Top-Down-Prinzip geprägt und hat wenig von einer sozialen Bewegung. Im UK und den USA gibt es, wiederum meiner Meinung nach, eine größere Zahl an echten Open-Access-Vorreitern unter den Wissenschaftlern, die sich teils kooperativ organisieren. Sprich: Open Access weist in manchen Wissenschaftskulturen Elemente sozialer Bewegungen auf, in anderen eher nicht. Ein anderes Beispiel, das zeigt, wie schwierig es ist, nicht nur über einzelne Domänen hinweg, sondern innerhalb einer Domäne zu entscheiden, ob eine Bewegung existiert, ist Open Government: In den Anfängen ein durchaus zivilgesellschaftliches Modell, wird es mittlerweile von Consultants und New Public Management Agenten in Beschlag genommen. Von einer (erst recht domänübergreifenden) Bewegung zu sprechen, fällt mir zumindest eher schwer, weswegen ich den Begriff der Open Initiatives bevorzuge, zwischen denen es teleologische Gemeinsamkeiten, aber keine engere praktische oder ideologische Verschränkung gibt. Stefan Baacks Beitrag hat mich gefreut, er stellt sich anscheinend die gleichen Fragen wie ich es tue.

Update, 01.03.3013: Stefan Baack führt die Thematik in seinem Blog unter „Was sind ‚Open Movements‘?“ weiter aus.

Tamiflu und der Zugang zu Daten

Tamiflu wird von Roche Pharma jährlich zu Beginn der Grippesaison in großem Stil abgesetzt, da ganze Nationen sich damit gegen drohende Pandemien wappnen wollen, dennoch ist seine Wirksamkeit umstritten. Kein Wunder, dass der Konzern die Offenlegung klinischer Daten, mittels derer das Präparates bewertet werden könnte, verweigert. Mittlerweile fordern Mediziner bereits den Boykott von Roche-Produkten, mehr dazu in Telepolis unter „Was hat Roche zu verbergen? Tamiflu und der schwierige Zugang zu klinischen Daten

Nature Publishing Group verlangt höhere Autorengebühren für CC-By-Lizenzierung

Die Nature Publishing Group (NPG) entdeckt die Vorteile von Open Access für sich. Nachdem Forschungsförderer wie der Wellcome Trust oder die Research Councils UK zu fordern beginnen, dass Publikationen aus geförderten Projekten unter der Creative Commons Lizenz CC-By stehen, erlaubt NPG Autoren die Verwendung der CC-By – allerdings gegen Aufpreise von bis zu 400 € pro Artikel. Mehr dazu in Telepolis unter „Geschäftemachen à la Nature„.

Exklusive Übertragung von Nutzungsrechten brachte die Beatles um interstellaren Ruhm

Dallas Campbell und Christopher Riley berichteten am 21.10.2012 im Observer (Voyager: the space explorers that are still boldly going to the stars) von der Reise der Voyager-Raumsonden durch das Weltall. Diesen wurden Datenträger, gefertigt aus Kupfer und mit Gold überzogen, beigelegt, um etwaigen Entdeckern der Sonden die menschliche Kultur nahezubringen. Auf ihnen findet sich auch Musik unterschiedlicher Epochen und Regionen, um ein möglichst breites Spektrum menschlicher Ausdrucksformen zu vermitteln, und so enthalten sie neben Werken von Chuck Berry, Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven auch ethnische Musik aus unterschiedlichen Kontinenten (die Liste der Stücke findet sich hier). Es fehlen allerdings die Beatles, deren Titel Heres Comes the Sun eigentlich ebenfalls für extraterrestrische Hörer verfügbar gemacht werden sollte, denn so Campbell und Riley in der im Freitag (Unser Ding im All) übersetzten Fassung des Observer-Artikels: „Die Anfrage, Here Comes the Sun mit in die Kollektion aufzunehmen, wurde von der Plattenfirma der Band abgelehnt, weil man sich nicht auf die Freigabe der Rechte „für die Ewigkeit und das gesamte bekannte Universum“ einlassen wollte.“

Zugang zu 50 zusätzlichen Artikeln pro Forscher erfordert von Entwicklungsländern eine Verzehnfachung der Forschungsausgaben

Die Wissenschaftsplattform Mendeley veröffentlichte heute ihren ersten Global Research Report (zum Download). Mendeley bietet eine Kombination aus Funktionen Sozialer Netzwerke und einer Online-/Offline-Literaturverwaltung. Der Service grenzt sich durch die starke Gewichtung der letzteren von anderen sozialen Netzwerken für Wissenschaftler ab und erlaubt auch das Teilen von Dokumenten in abgegrenzten Gruppen oder deren öffentliche Zugänglichmachung im Sinn des Open Access. Anlass zur Publikation des Reports ist das Überspringen der Zwei-Millionen-Nutzer-Grenze durch den Dienst.

Der Global Research Report basiert im Wesentlichen auf internen Daten Mendeleys und wertet (selbstverständlich anonym) die nationale und institutionelle Herkunft der Nutzer sowie Informationen zu deren Dokumentnutzung aus. Auch wenn die Auswertungen nicht repräsentativ und nur sehr begrenzt verallgemeinerbar sind, dürften sie einen gewissen Aussagegehalt haben, belegten doch zuletzt einige Studien, dass  Mendeley auf Ebene bestimmter wissenschaftlicher Zeitschriften teils über 95% der Artikel (z.B. im Fall  des Journal of the American Society for Information Science and Technology JASIST) nachweist und dass die Häufigkeiten, mit denen Wissenschaftler Dokumente in Mendeley verwalten, mit den zitationsbasierten Impact Metriken der Datenbanken Web of Science und Scopus sowie der Suchmaschine Google Scholar korrelieren (Literaturhinweise finden sich am Ende dieses Artikels).

Wirtschaftslage und Informationsverfügbarkeit
Die Auswertung des Reports verweist unter anderem auf die wirtschaftlichen Zwänge bei den Nutzungsmöglichkeiten wissenschaftlicher Informationen: Die Analyse der nationalen Herkunft der Nutzer, der Anzahl der von diesen in Mendeley verwalteten Literaturverweisen (denen zumeist Volltext-Dateien zugeordnet sind) und den Wirtschaftsdaten ihres Landes legt nahe, dass Entwicklungsländer ihre Pro-Kopf-Ausgaben für Forschung verzehnfachen müssten, um jedem ihrer Wissenschaftler Zugang zu 50 zusätzlichen wissenschaftlichen Artikeln im Subskriptionsmodell (oder Closed Access) zu ermöglichen.  Nutzer aus Ländern mit eingeschränktem Zugang zu wissenschaftlicher Literatur verbringen zudem weniger Zeit mit der Dokumentnutzung. Je höher aber die pro Land mit Dokumentnutzung verbrachte Zeit ist, desto mehr Zitationen entfallen auf Publikationen eines Landes und desto mehr Nobel-Preise heimsen dessen Forscher ein.
Bibliotheksgrößen der Nutzer
Der durchschnittliche Wissenschaftler verwaltet 1428,8 Literaturverweise in seiner Mendeley-Bibliothek. Vorne liegen dabei Nutzer aus West-Europa (187,1), Nord-Amerika (171,6) und Ost-Asien (156,2). Auf Länderebene führen argentinische Forscher mit durchschnittlich 267,6 Nachweisen, vor französischen (232,6) und deutschen Wissenschaftlern (222,9). Auf Institutionsebene horten die Angehörigen der schweizerischen Université de Lausanne die meisten Texte mit Mendeley (383,1) vor denen der United States Geological Survey (380,4) und des französischen Muséum National d’Histoire Naturelle (379,1). Aus deutschen Einrichtungen sind Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft die aktivsten Sammler, sie belegen mit durchschnittlich 357,4 verwalteten Literaturnachweisen Rang 4. Die erste deutsche Hochschule findet sich mit der Technischen Universität Berlin auf Platz 19.
Lektüredauer der Nutzer
Im September dieses Jahres verbrachten Forscher täglich durchschnittlich eine Stunde und 12 Minuten mit der Nutzung wissenschaftlicher Literatur in Mendeleys Desktop-Client, am lesefreudigsten waren west-europäische Forscher (eine Stunde und 19 Minuten), Wissenschaftler aus Ozeanien (eine Stunde und 18 Minuten) und Ost-Asien (eine Stunde und 15 Minuten). Das Länderranking führen die niederländischen Wissenschaftler mit einer Stunde und 25 Minuten an, gefolgt von ihren südafrikanischen Kollegen (eine Stunde und 24 Minuten)  und den Forschern aus dem Vereinigten Königreich (eine Stunde und 22 Minuten). China belegt Rang 4, Deutschland Position 6, die USA nur Platz 49: Trübe Aussichten für die USA, bedenkt man den Zusammenhang zwischen durchschnittlicher täglicher Lektüredauer und Nobelpreis-Aufkommen pro Land.