Zu Unrecht in der Kritik? Qualitätssicherung bei Open-Access-Publikationen

John Bohannons Science-Artikel, der die Qualitätsicherung von Open Access Journals weithin in Frage stellt, wird zusehends differenziert betrachtet. Gestern gab ich dem Deutschlandfunk ein Interview zu diesem Thema. Im Rahmen der Sendung Forschung Aktuell wurde Ralf Krauters Interview mit mir ausgestrahlt, es trug den Titel Zu Unrecht in der Kritik? Qualitätssicherung bei Open-Access-Publikationen und kann hier abgerufen werden: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/2288623/

Workshop Publikationsstrategien am Promotionszentrum der Universität Bremen

Für interessierte Bremer Doktorandinnen und Doktoranden: Am 24. Oktober werde ich an der Universtät Bremen, genauer: für das Promotionsbüro der Universität Bremen ProUB, einen Workshop zu Publikationstrategien in der Wissenschaft anbieten.

Unter anderem werden folgende Themen diskutiert:

  • Kontextualisierung und Funktionen wissenschaftlichen Publizierens
  • Publikationsprozesse und -akteure
  • Qualitätssicherung wissenschaftlicher Publikationen
  • Qualitätsmessung wissenschaftlicher Publikationen
  • Wie unterscheiden sich Urheber-, Nutzungs- und Verwertungsrechte?
  • Inhalt typischer Verlagsverträge
  • Lizenzierung wissenschaftlicher Inhalte
  • Open Access & Toll Access
  • Open-Access-Angebote
  • Wahl eines geeigneten Publikationsortes
  • Aktuelle Trends: Wie publizieren wir in 25 Jahren?

Weitere Informationen und eine Anmeldemöglichkeiten finden sich auf den Seiten des ProUB: http://www.uni-bremen.de/forschung/junge-talente/promotionszentrum-universitaet-bremen-proub/qualifizierung/veranstaltungsbeschreibungen/veranstaltung-2013-25.html

Nachtrag: Ein Großteil der Materialien ist hier verfügbar.

Science Open Access Sting & die Qualitätsdebatte um Open Access Journale

John Bohannon publizerte letzte Woche einen journalistischen Artikel im Wissenschaftsmagazin Science, in dem er die Qualität von Open Access Journalen in Frage stellt. Dieser Artikel löste teils heftige Diskussionen aus und seine Schlussfolgerungen wurde von journalistischen Medien recht ungeprüft übernommen. Sowohl Heinz Pampel als auch ich hab nun Erwiderungen verfasst, die Bohannons Artikel kritisch beleuchten. Trotz aller Mängel des besagten Textes sollte er auch Anlass geben Mechanismen zu entwickeln, mittels derer seriöse und unseriöse (Open Access und Closed Access) Verlage leichter zu erkennen sind.

Heinz Pampel: Science-Artikel zu Peer Review und Open Access. ALBERTopen, Blog des Geoforschungszentrums Potsdam, 08.10.2013, http://albertopen.telegrafenberg.de/?p=840

Ulrich Herb: Unzutreffend, aber schmerzhaft: Der Open-Access-Sting der Zeitschrift Science. Telepolis, 09.10.2013, http://www.heise.de/tp/artikel/40/40056/1.html

 

Open Access, Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften

Nicht nur beim Thema Big Data & Soziologie traten die Disziplinspezifika wissenschaftlichen Arbeitens in meiner Wahrnehmung verstärkt in den Vordergrund, sondern auch bei den Open Access Tagen 2013 in Hamburg. In einer Session zu Social Media gab Marco Agnetta einige Einblicke in die Vorbehalte der Geisteswissenschaften gegenüber Open Access.

Vorab: Auch mir leuchten die Prestigevorbehalte einiger Geisteswissenschaftler partout nicht ein, die dazu führen, dass man mitunter mehrere tausend Euro für das Verlagen eines Buches im Print-Only bei einem althergebrachten, fachlich verankerten Verlag ausgibt, während man für deutlich weniger als tausend Euro das gleiche Werk Open Access und gedruckt, dazu unter Erhalt aller Autorenrechte, publizieren könnte. Allerdings wurde mir klar, dass Geisteswissenschaftler (zumindest jüngere und aufgeschlossene) stark mit Open Access sympathisieren, sich aber nicht wenige Fachvertreter von den Änderungen des Ökosystems wissenschaftlichen Publizierens erschreckt fühlen und Open Access (zu Recht) als Teil dieser Änderungen und (wohl zu Unrecht) als Gefährdung der fachlichen Integrität wahrnehmen.

Geisteswissenschaften (so diverse Ausformungen sie kennen) nehmen Open Access anscheinend bisweilen als Element in einem ganzen Ensemble von (aus Sicht der Disziplinen) externen Erwartungen und Zwängen war, die ihre fachliche Identität bedrohen. Open Access reiht sich in der Wahrnehmung so ein in eine Liste an von außen an die Geistenswissenschaften herangetragener Forderungen, deren Logik fachintern bestritten wird und die nicht akzeptiert werden, dazu gehören Drang/ Zwang zur Internationalisierung der Forschung, Digitalisierung der Forschung als condicio sine qua non sowie zur Kollaboration. Folglich wäre eine bewusste Lösung von Open Access aus dieser, in anderen Fächern vielleicht nützlichen, Verschränkung paradigmatischer Forderungen für seine Akzeptanz in den Geisteswissenschaften nützlich.

Ähnliches könnte auch für sozialwissenschaftliche Fächer gelten, wie etwa die eingangs erwähnte Soziologie, in der Open Access zumindest in Teilen ebenfalls als Element eines, eine adäquate Fachtraditon wissenschaftlichen Publizierens gefährdenten Diskurses wahrgenommen wird.  Völlig zu Unrecht, wie ich finde, denn Open Access hat meiner Meinung nach für die Soziologie sehr, sehr viele Vorteile zu bieten und wird von manchen Vertretern zu Unrecht als logisch verwandt mit dem teils formulierten (sowie meist unsinnigen und inhaltlich sinnlosen) administrativen Zwang zu Mehrautorenpublikationen, internationalen Kooperationen oder englisch-sprachigem Publizieren betrachtet.

Big Data & Soziologie

Emma Uprichard hat am 01.10.2013 den wohl besten Text, den ich bislang zur Bedeutung von Big Data für die Soziologie lesen durfte, im Online-Magazin Discover Society veröffentlicht. Den mit Big Data, Little Questions? überschriebenen Artikel kann man sowohl Sozialwissenschafltern empfehlen, als auch Big Data Advokaten, die teils ein wenig betriebsblind davon ausgehen, die bloße Verfügbarkeit von Daten befördere in allen Fächern wissenschaftlichen Fortschritt.

Uprichard relativert die Vorstellungen wissenschaftlicher Fortschrittsuniversalien für die Soziologie, zentral ist Ihre Argumentation die Interpretation von Daten inkl. der Fabrikation von Erhebungsdesigns benötige theoretische und methodische Fundierung, gerade in einer Wissenschaft, für die speziell die Merkmalsausreißer in einigermaßen normalverteilten Auswertungen interessant sind: z.B. Eliten oder Benachteiligte. Zurecht merkt die Autorin auch an, empirische Sozialforschung kenne seit Anbeginn das Problem von Datenmengen, deren Volumina für eine Auswertung aller Variablen und erdenklichen Korrelationen zu umfangreich seien, z.B. bei den großen Zensus-Untersuchungen, allerdings auch in qualitaitven Studien. Dieser Umstand habe jedoch den Sinn der Soziologie für theoretische Fundierung geschärft, die Daten-Volumen der Big Data Ära seien in methodischer Hinsicht eine neue quantitative, aber keine neue qualitative Herausforderung. Zudem böte Big Data nicht zwangsläufig Antworten auf klassische Fragen der Soziologie: „Big data won’t be able to tell us how to design local, regional and global policies and it will certainly not be able to do what we need policies of all kinds to do: to be appropriate for some people sometimes and in some places. Social systems are not well modelled or known through universal laws.“

Zudem bezweifelt Uprichard für die Soziologie die Rückwirkung von Big Data auf theoretische Weiterentwicklungen im Sinne eines Paradigmenwechsels, wie er für andere Disziplinen angenommen wird. In pragmatischer Hinsicht betrachtet Uprichard Big Data durchaus als Gefahr und wittert das Aufziehen einer theorielosen Soziologie, die Korrelationen gegenüber Kausalitäten bevorzugt und sich auf das Feststellen statistischer Beziehungen verlässt, anstatt nach den Ursachen sozialer Phänomene und statistischer Korrelationen zu fragen – nebenbei bemerkt verleitet eine Fixierung auf Korrelationen zur Produktion statistischer Artefakte. Konsequenterweise fordert Uprichard: „We (…) need good philosophers of science and social science. We absolutely still need excellent social theory about what the data represent and we also need excellent qualitative methods to reinterpret and rethink the units of analysis we are observing. We need to be able to challenge what is being done with our data and that requires a basic understanding about how variables are created, how codes are made, and how these are being constantly used, modelled and reworked into everyday life. We need to think about what it means to measure the social world and how our models of causality are constructed. Importantly, we also need to know who is doing the counting. Who is making the decisions? Who is deciding what is counted and measured and how these counts and measurements are used and for whom? These answers are not trivial and social scientists need to be part of those conversations.“

Passender kann man die Besonderheit von Big Data für die Soziologie kaum beschreiben, wer sich für den Inhalt des herausragenden Textes näher interessiert findet ihn unter:

Uprichard, E. (2013). Big Data, Little Questions? Discover Society, (01.10.2013). Retrieved from http://www.discoversociety.org/focus-big-data-little-questions/

Wohlgemerkt spricht sich die Autorin nicht gegen das Big Data Modell aus, sondern fordert von ihrer eigenen Disziplin eine ihren Untersuchungsobjekten angemessene Nutzung digitaler Datenvolumina.

Beim Schreiben dieses Posting und schon beim Lesen des Uprichard-Artikel ärgerte ich mich ein wenig darüber, einen themtisch sehr ähnlichen Text, den ich vor ca. einem Jahr zur Informationswissenschaft und Big Data schrieb,  unveröffentlicht gelassen zu haben.