Naht das erste Open Access Mandat in Deutschland?

Der Entwurf für ein neues Landeshochschulgesetz (LHG) in Baden-Württemberg hat es in sich. Dort findet sich unter dem zu reformierenden §44 Abs. 6 folgende Neuformulierung: „Angehörige des wissenschaftlichen Personals der Hochschulen sind verpflichtet, sich das Recht auf nichtkommerzielle Zweitveröffentlichung in der Regel binnen einer Frist von sechs Monaten nach der Erstveröffentlichung vorzubehalten, wenn es sich um Publikationen von wissenschaftlichen Erkenntnissen in periodisch erscheinenden Sammlungen und Zeitschriften handelt, die im Rahmen der Dienstaufgaben gewonnen worden sind. Sie können durch Rechtsverordnung des Wissenschaftsministeriums dazu verpflichtet werden, die Zweitveröffentlichung in hochschuleigene Repostorien einzustellen“. Laut einer Meldung des Beteiligungsportals Baden-Württemberg soll das Gesetz nach Abschluss des parlamentarischen Verfahrens im zweiten Quartal 2014 in Kraft treten. In besagtem Portal kann man, leider nur bis zum heutigen Tag, Kommentare zum Entwurf abgeben.

Weitere Informationen finden sich im oben zitierten Entwurf zur Novellierung des Landshochschulgesetzes in Baden-Württemberg.

Update, 29.11.2013, 07:30: Die Kommentierungsfrist des LHG lief gestern ab. Es bleibt nun abzuwarten, ob § 44 Abs. 6 nun im parlamentarischen Verfahren mit Schlupflöchern versehen wird, die es Autorinnen und Autoren erlauben, die Verpflichtung zum Rechtevorbehalt zu umgehen. Sollte der Paragraph aber in der Entwurfsfassung Teil des neuen Gesetzes werden, dürfte sich bald auch die Frage stellen, wie Wissenschaftler sanktioniert würden, die gegen ihn verstoßen und ohne Rechtevorbehalte im Closed Access publizieren würden.

 

Alte Kommentare:

Kalei:

Hallo!
Danke für den Hinweis. Muss man jetzt beim Publizieren _noch_ einen Faktor beachten? Warum verpflichten sie nicht die Verlage, Bezahlschranken nach dieser 6-Monatsfrist fallen zu lassen (bzw. arbeiten darauf hin)?

Ulrich Herb:

Hallo und vielen Dank für den Kommentar,

beachten muss natürlich noch vieles, das Ansehen eines avisierten Publikationsortes, ggf. Article Fees, die Art der Qualitätssicherung, etc. – aber zum zweiten Punkt: Sie zielen damit implizit auf eine Änderung des Urheberrechtsgesetzes UrhG ab und genau ein solche Änderung steht vor der Tür und Heinz Pampel berichtet in wisspub.net darüber http://wisspub.net/2013/09/20/bundesrat-billigt-zweitverwertungsrecht/ (pardon leider funktionieren Links in den Kommentaren nicht!). Die Änderung tritt wohl zum 01.01.2014 in Kraft und will so ziemlich das, was Sie andeuten, bewirken: Die Rechte an Publikationen fallen in begrentzem Maß nach Ablauf von einem Jahr an die Autoren zurück. Allerdings hat das Gesetz viele Einschränkungen: Es betrifft im wesentlichen nur Journalartikel, man wohl keine PDF im Verlagslayout online stellen, Forscher, deren Arbeit überwiegend mit universitärer Grundausstattung finanziert wird, sind wohl ausgenommen, etc. – zumindest die erste Einschränkung gilt jedoch sicher auch für die geplante Gesetzesänderung in Baden-Württemberg. Sie finden interessante Details hier http://open-access.net/fileadmin/downloads/OAT13/Hartmann-OA-Tage2013-HandoutZweitverwertungsrecht.pdf oder im Video zur PDF hier http://textundblog.de/?p=5627 (bitte runter scrollen bis zum Video mit Thomas Hartmann).

Allerdings zielen die Änderungen des UrhG und des LHG in Baden-Württemburg auf unterschiedliche Bereiche: Das UrhG legt pauschal eine Änderung fest, die durch Verträge nicht durchbrochen werden kann, das LHG verlangt eine vertragliche Regelung zwischen AutorIn und Verlag. Die Änderung des UrhG ist damit weiter gefasst, aber leider dennoch enger, denn sie betrifft keine Publikationen in Zeitschriften ausländischer Verlage. Genau diese Lücke schließt, das LHG aus BW, da es von Wissenschafltern verlangt, sich Rechte vorzubehalten – auch bei Publikationen in ausländischen Verlagen – zudem ist die Embargo-Frist mit sechs Monaten kürzer als in der UrhG-Änderung. Diese Konstruktion setzt natürlich die Wissenschaftler unter Druck und bringt diese schon ein bisschen in die Bredouille, s. dazu diesen Kommentar im Cross-Posting dieses Blog-Beitrags: http://www.heise.de/tp/blogs/foren/S-Verpflichtet-es-sich-vorzubehalten/forum-270454/msg-24451372/read/

In den Kommentaren finden sich allerdings auch Stimmen, die der Änderung (so sie denn Realität wird) positiv gegenüber stehen.

Viele Grüße

Ulrich Herb

Share This:

Google Scholar startet Google Library

Vorgestern startete mit der Google Library ein neuer Dienst der Wissenschaftssuchmaschine Google Scholar: Es ist nun möglich, Treffer aus Google Scholars Ergebnislisten in einer eigenen Bibliothek zu sammeln und thematisch zu gruppieren.  Zwar kann man der Bibliothek, anders als in Literaturverwaltungsumgebungen, keine beliebigen (in diesem Fall: nicht in Google Scholar indizierten) Dokumente hinzufügen, dennoch übertrifft Googles Library in mancher Hinsicht den Komfort klassischer Literaturverwaltungssysteme und Zitationsdatenbanken, denn für alle in den Bibliotheken gesammelten Publikationen stehen zusätzlich zum Reference Management die erweiterterten Funktionen Google Scholars zur Verfügung, z.B. die Zitationszählung, der Export von bibliographischen Daten oder der Verweis auf ähnliche Artikel. Wer bereits ein Autorenprofil in Google Scholar eingerichtet hat, kann sogar per Mausklick eine Library einrichten und sofort alle im eigenen Profil verzeichneten Publikationen einlesen – inklusive der darin zitierten Artikel, sofern Google Scholar diese korrekt auswerten konnte. Die Existenz eines eigenen Autorenprofils ist für Nutzung der Library allerdings keine Bedingung. Kurzum: Die Google Library verbindet ansatzweise Funktionen von Suchmaschine, Zitations-/Literaturdatenbank und Literaturverwaltung.

Mehr dazu im Google Scholar Blog. Mein Dank gebührt Jens Wonke-Stehle, dessen Facebook-Posting mich auf diese Neuigkeit aufmerksam machte.

Share This:

Open Access Button ist online

Der heutige Start des Services Open Access Button scheint in Deutschland etwas untergegangen sein, deswegen hier ein kurzer Verweis darauf. Wer sich unter http://www.openaccessbutton.org/ kostenlos registriert, kann ein Bookmarklet für die Lesezeichenliste seines Browsers herunterladen. Damit kann dann jederfrau/-mann fürderhin jedesmal, wenn man bei der Nutzung wissenschaftlicher Literatur auf eine Paywall trifft, sprich keinen Zugriff auf benötigte wissenschaftliche Literatur hat, weil die eigene Einrichtung sich den Zugang nicht leisten konnte, diese Behinderung durch Klicken des Bookmarklets öffentlich kenntlich machen. Das Ereignis wird dann (inkl. Namen des Nutzers, der sich in seiner Recherche blockiert sah, sowie einer URL sowie ggf. eines weiteren Identifiers auf die verweigerte Information) auf einer öffentlichen Karte eingeblendet. Unterstützt werden die Browser Chrome, Firefox, Internet Explorer, Safari sowie der iPad-Browser. Die Entwicklung des Tools geht zurück auf eine Initiative von David Carroll und Joseph McArthur, sie wurde im Rahmen eines BMJ Hack Weekends vorangetrieben.

Auch wenn die Zahl der berichteten Paywall-Hürden noch überschaubar ist (alles andere wäre angesichts der Tatsache, dass das Bookmarklet noch keinen ganzen Tag verfügbar ist, überraschend), kann der Button ein sehr nützliches Werkzeug werden, um die Behinderung der Wissenschaft, die Closed Access mit sich bringt, zu dokumentieren. Dazu müssen zahlreiche  Wissenschaftler das Bookmarklet nutzen. Vielleicht ergibt sich diese Nutzung wie von selbst, wenn die konventionellen Wissenschaftsverlage ihre Pläne durchsetzen können  und es ihnen gelingen sollte, einige eigentlich Open-Access-freundliche US-Gesetzesinitiativen wie SPARC berichtet durch die Implementierung äußerst ausgedehnter Embargos für die Verfügbarmachung von Dokumenten im grünen Open Access zu  untergraben.

Mehr zum Open Access Button in …

Share This:

Befreiung oder Verknappung von Informationen?

Ein zur Publikation in den Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare (VÖBB Mitteilungen) vorgesehener Artikel mit dem ursprünglichen Titel Paradigma offener Wissensproduktion und Informationsbereitstellung in wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Kontexten erschien gestern in Telepolis; mit den VÖBB-Mitteilungen wurde ich über eine Publikation nicht einig: Die Zeitdauer bis zur Veröffentlichung war mir um einiges zu lange.

Grundlage ist ein Vortrag, den ich vor mehr als einem Jahr, im September 2012, anlässlich der ODOK 2012, dem Österreichischen Online-Informationstreffen und Österreichischen Dokumentartag, hielt. Interessierte finden ihn unter dem Titel Der Kampf um Befreiung oder Verknappung von Informationen und Immaterialgütern im Online-Magazin Telepolis.

Share This:

Fingierte Journal-Homepages, Konferenzen und Metriken

Declan Butler berichtete bereits im März dieses Jahres in Nature von irreführenden und betrügerischen Journal-Homepages, die zwei seriöse Wissenschaftsjournale imitierten. Opfer des Schwindels wurden die Zeitschriften Archives des Sciences sowie Wulfenia. Beide Journals verfügten über keine Websites – zumindest bis in betrügerischer Absicht Homepages online gingen und vorgaben offizielle Internetpräsenzen der Zeitschriften zu sein. Zugleich wurde auf diesen Websites eine Möglichkeit zur Artikeleinreichung und zur Zahlung von Publikationsgebühren gegeben. Autoren, die diese Gebühren entrichteten, warteten jedoch vergeblich auf eine Veröffentlichung ihrer Artikel in den Journals, denn es gab keine Verbindung zwischer den Websites und den Zeitschriften.

In der Informatik, in der Kommunikation in Konferenzen und via Konferenzbänden vorherrscht, haben sich findige Geschäftemacher dieser Disziplinspezifika angepasst und legen keine fingierten Journals oder fingierte Websites zu existierenden Journals auf, sondern veranstalten gefakte Konferenzen. Listen verdächtiger Veranstaltungen finden sich unter http://fakeconference.blogspot.de/ oder http://academic-spam.blogspot.de/. Auch Prof. Debora Weber-Wulff berichtet in ihrem Blog an verschiedenen Stellen (z.B. sehr interessant hier http://copy-shake-paste.blogspot.de/2008/12/fake-conferences.html – bitte auch die Kommentare lesen) von diesem unerfreulichen Phänom. In besonderem Maß betroffen sind Konferenzen des vormals angesehenen Verbandes IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers). Anders als im Fall der eingangs erwähnten Journals erfolgt bei den täuscherischen Konferenzen kein Idenditätsdiebstahl, sondern die Veranstalter rufen schlicht neue Konferenzen ins Leben oder kapern existierende Konferenzreihen, um dann gegen Zahlung einer Registrierungsgebühr jedwede Einreichung zu akzeptieren. Das Halten des Vortrags wird oft ausdrücklich als nicht notwendig dargestellt, vermutlich wird ein Teil der Konferenzen gar nicht durchgeführt.

Sky News formulierte im Zusammenhang mit dem Verkauf eines mächtigen Wissenschaftsverlags einmal sehr zutreffend: „The market for scientific, technical and medical publishing has historically been lucrative„. Das ist wohl wahr und daher will die Scharade auf die Spitze und die Wertschätzungskette fortgesetzt werden – und was steht noch aus? Nach dem Verkauf von Publikationsmöglichkeiten und Konferenzteilnahmen bleibt z.B. die Impact Messung und so schickte das Global Institute for Scientific Information (GISI) vor einiger Zeit den Journal Impact Factor (JIF) ins Rennen, man kann die Ausführungen dazu unter http://www.jifactor.com/index.asp einsehen. Der JIF des GISI hat selbstredend nichts mit dem JIF des Datenbankanbieters Thomson Scientific zu tun, soll aber diesem ähnlich erscheinen und diesen ganz offensichtlich imitieren. So heißt es zur Berechnung des GISI JIF:

„Journal Impact Factor (JIF) is a measure reflecting the average number of citations to articles published in journals, books, patent document, thesis, project reports, news papers, conference/ seminar proceedings, documents published in internet, notes and any other approved documents. It is measure the relative importance of a journal within its field, with journals of higher journal impact factors deemed to be more important than those with lower ones. Journal Impact factors are calculated in yearly/half- yearly/ Quarterly/Monthly for those journals that are indexed in Journal Reference Reports (JRR).“

Zwar finden sich Abweichungen zwischen dem GISI JIF und Thomson Scientifics JIF, wie etwa den Scope der indizierten Dokumente und die Gewichtung der Quellen je nach Zitationshäufigkeit, andererseits erfolgt aber sogar eine Annäherung der Namensgebung zwischen den zur Berechnung der JIF-Werte dienenden Datenbanken (Journal Reference Reports JRR bei GISI und Journal Citation Reports JCR bei Thomson Scientific). Herausgeber und Verlage, die ihre Journals in den JRR indizieren lassen wollen, können dies hier tun und müssen – dies dürfte keine Überraschung sein – dafür zahlen, denn so das GISI: „We are charging nominal fee for processing your journal to get Journal Impact Factor“. Jeffrey Beall, der auch die Liste der Predatory Open Access Publishers pflegt, hat für Anbieter wie das GISI eine eigene Liste der Bogus Impact Factor Companies eingerichtet, die weitere, dem JIF des GISI ähnliche Angebote aufführt: Den Global Impact Factor  des Institute for Information Resources, den Universal Impact Factor (der Name verheißt Großes, zumindest Größeres als der Global Impact Factor oder der schlicht daherkommende Journal Impact Factor) und den IndexCopernicus.

 

Cite this article as: Ulrich Herb, Fingierte Journal-Homepages, Konferenzen und Metriken, in scinoptica, 15. November 2013, https://www.scinoptica.com/2013/11/fingierte-journal-homepages-konferenzen-und-metriken/.

 

Share This:

Kooperation zwischen Google Scholar & Thomson Scientifics Web Of Science

Was in letzter Zeit schon auf einigen Mailinglisten kolportiert wurde, ist nun offiziell: Die Zitationsdaten-Indizes Google Scholar und Web of Science (des Anbieters Thomson Scientific) zeigen in ihren Suchergebnissen zusätzlich zu den Ergebnissen der eigenen Zitationszählung zu einem Dokument wechselseitig auch die Ergebnisse des fremden Dienstes an. Die Resultate des Web of Science werden selbstredend nur eingeblendet, wenn der Zugriff für den abfragenden Rechner lizenziert ist. Mehr dazu in Against the Grain unter Thomson Reuters-Google Scholar Linkage Offers Big Win for STM Users and Publishers. Bis Januar 2014 soll die Funktionalität für alle Web of Science-Abonnenten verfügbar sein. Google Scholar strebt offensichtlich keine exklusive Zusammenarbeit mit Thomson Scientific an und steht analogen Kooperationen etwa mit den Datenbanken Scopus (Elsevier) oder PubMed Central (National Institutes of Health) offen gegenüber. Auf den Artikel in Against the Grain machte Walter Umstätter aufmerksam, er verwies wiederum auf eine Meldung in Password Online (noch nicht frei einsehbar).

Share This: