Empfehlungen, Stellungnahmen, Deklarationen und Aktivitäten wissenschaftspolitischer Akteure zur Gestaltung des wissenschaftlichen Kommunikationssystems

Im März 2012 erstellte ich im Auftrag der berlin-brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) eine Studie mit dem sperrigen Titel Empfehlungen, Stellungnahmen, Deklarationen und Aktivitäten wissenschaftspolitischer Akteure zur Gestaltung des wissenschaftlichen Kommunikationssystems. Der Bericht ist jetzt abrufbar unter urn:nbn:de:kobv:b4-opus-25174. Auch wenn sich nach wenig mehr als anderthalb Jahren erstaunlich viel getan hat, hier der Abstract zum Paper:

„In den vergangenen zehn Jahren haben sich unterschiedliche wissenschaftspolitische Akteure in verschiedener Weise zur künftigen Gestalt des wissenschaftlichen Kommunikationssystems geäußert und Aktivitäten unternommen, mit denen konkrete Gestaltungsabsichten verfolgt werden. Ziel der Expertise ist es, für Deutschland, die USA und die europäische Ebene eine Übersicht über die verschiedenen Formen der Äußerungen zu gewinnen und deren Inhalt in Form einer Synopse zusammenzutragen, indem wesentliche Übereinstimmungen und Differenzen herausgearbeitet werden. Daneben soll die Expertise die wichtigsten Aktivitätsfelder bestimmen und konkrete Maßnahmen und Aktivitäten, die beispielhaft für bestimmte Aktivitätsfelder stehen, beschreiben.“

Nach Sichtung der Statments einer Vielzahl an Organisationen und Verbünden wurden deren Aussagen vorallem zu diesen Themen genauer analysiert:

  • Wissenschaftliche Infrastruktur mit den Unterpunkten virtuelle Forschungsumgebungen, Forschungsinfrastruktur, Informationsinfrastruktur
  • Wissenschaftliche Publikationen mit den Unterpunkten Open Access & elektronisches Publizieren, Lizenzierung, Hosting, geistiges Eigentum
  • Forschungsdaten mit den Unterpunkten Data-Sharing & Data-Management, Open Access zu Forschungsdaten

Die BBAW stellt den Bericht unter einer CC-By-NC-ND 3.0 Lizenz bereit.

Die Bewertung der Peer Review?

Artikelvorschläge, die Forscher zur Publikation in einer wissenschaftlichen Zeitschrift einreichen, werden häufig der Peer Review, einer Begutachtung durch Experten unterzogen. Die Anwendung der Peer Review verbreitet sich immer weiter und man findet das Verfahren zusehends auch bei der Publikation wissenschaftlicher Konferenzbände oder Sammelbände. Die Peer Review unterliegt mitunter starker Kritik, die sich vor allem auch an der Asyemtrie des Verfahrens entzündet, in dem der einreichende Autor dem Urteil der – fast ausnahmslos anonym agierenden – Reviewer mehr oder weniger bedingungslos ausgeliefert ist.

Scirev.sc ist ein neuer Dienst, der es nun umgekehrt Wissenschaftlern ermöglicht, die im Rahmen der Artikeleinreichung erfahrene Qualität der Peer Review zu bewerten. Autoren können für ihre Einreichung die Dauer der ersten Review-Runde (an die sich ja gegebenenfalls iterative Verbesserungen anschließen), die Dauer des gesamten Begutachtungsprozesses, die Anzahl der Reviews und den Ausgang der Review (Annahme oder Ablehnung der Einreichung) ausweisen sowie die Qualität der Reviews und des gesamten Begutachtungsprozesses bewerten. Die Bewertung erfordert eine Anmeldung, ist aber selbst anonym möglich. Auf den ersten Blick entdeckte ich einige interessante Funde: So wurde teils nur eine einzige Review zu einer Einreichung verfasst, allerdings ist es prinzipiell auch möglich, dass dem Autor nur eine von mehreren Reviews zuging. Überraschenderweise wurden auch einige Reviews, die zur Ablehnung einer Einreichung führten, von den Autoren als positiv bewertet. Hingegen scheint eine lange Review-Dauer sehr oft zu negativen Bewertungen zu führen. SciRev fungiert naheliegener Weise auch als Auskunftsdienst: Wissenschaftler können Bewertungen und Auskünfte einzelner Zeitschriften oder der Zeitschriften eines Fachs recherchieren und diese Informationen in ihre Entscheidung, bei welchem Journal sie einen Artikel einreichen wollen, einfließen lassen.

Gelauncht und betrieben wird das Angebot von den niederländischen Wissenschaftlern Janine Huisman und Jeroen Smits

Weitere Informationen zu Peer Review und zur Alternative der Open Review:

Herb, U. (2012). Offenheit und wissenschaftliche Werke: Open Access, Open Review, Open Metrics, Open Science & Open Knowledge. In U. Herb (Hrsg.), Open Initiatives: Offenheit in der digitalen Welt und Wissenschaft (S. 11–44). Saarbrücken, Germany: universaar.Online http://eprints.rclis.org/17183/

Ware, M. (2008). Peer Review: benefits , perceptions and alternatives. London: Publishing Research Consortium. Online: http://www.publishingresearch.org.uk/documents/PRCsummary4Warefinal.pdf

Elsevier lässt Artikel aus Wissenschaftsnetzwerk Academia.edu löschen

ElsevierDies wurde in Deutschland anscheinend kaum bekannt: Vor einigen Tagen entfernte das Wissenschaftlernetzwerk Academia.edu auf Aufforderung des Wissenschaftsverlags Elsevier Artikel von seinem Server, die Autoren als Acadamia-Nutzer dort im Open Access verfügbar gemacht hatten. Elseviers Vorgehen ist insofern logisch, als die Open Access Policy des Hauses die Verfügbarmachung von Verlagswerken in der finalen Autorenfassung nur auf institutionellen Open Access Servern erlaubt, nicht aber auf institutionsübergreifenden Plattformen wie Academia.edu. Weder auf insitutionellen, noch auf überinstitutionellen Servern erlaubt Elsevier es übrigens seinen Autoren, paginierte und mit Layout versehene finale Verlagsversionen Open Access bereitzustellen. Wer als Autor gegen diese Vorgaben durch eine Publikation eines bei Elsevier erschienen Textes verstoßen hatte, dem ging eine Löschinformation zu, wie die, die der Autor und Academia-Nutzer Guy Leonard erhielt und via Twitter mit der Welt teilte. Academia.eu machte betroffene Autoren auch auf den Elsevierboykott aufmerksam, den jeder unterzeichnen kann, der für diesen Verlag nicht als Autor, Reviewer oder Herausgeber fungieren will. Die Website zum Boykottaufruf ist erreichbar unter thecostofknowledge.com. Der Aufruf wurde, mit Stand 10.12.2013, seit Januar 2012 von stattlichen 14.172 Wissenschaftlern unterzeichnet, die sich nun wohl überwiegend nicht mit Löschnachrichten konfrontiert sehen mussten.

Zwar ist bekannt, dass Verlage vereinzelt Serverbetreiber zu Löschungen von Dokumenten, an denen diese keine Rechte zur Zugänglichmachung haben, anhalten, Elseviers auf Academia.edu zielender Take Down Request ist aber der bislang wohl größte Vorgang dieser Art. Fraglich sind nun vor allem zwei Dinge: Zum einen, ob man mit ähnlichen Lösch-Aufforderungen auch an andere soziale Netzwerke für Wissenschaftler herantritt, die ebenfalls die Möglichkeit bieten, Dokumente Open Access verfügbar zu machen, wie beispielsweise ResearchGate oder das von Elsevier selbst im April übernommene Netzwerk Mendeley. Zum anderen, ob Elsevier seinen durch Boykotte und diskussionswürdige Praktiken in Mitleidenschaft gezogenen Ruf durch diese Aktion nicht weiter beschädigt und seine Content-Produzenten, die wissenschaftlichen Autoren zusehends verärgert.  Diese Woche gab zumindest der Nobelpreis-Gewinner Randy Schekman bekannt, unter anderem nicht mehr im hochrenommierten Elsevier-Journal Cell publizieren zu werden. Von Schekmans Boykott betroffen sind jedoch auch andere Verlagsangebote wie Science oder Nature. Für das Open Access Journal eLife hingegen agiert der Wissenschaftler als Herausgeber.

 

Update, 11.12.2013:  Auch diese Nachricht rückt Elsevier in ein nicht gerade positives Licht: Offenbar zog die Elsevier-Zeitschrift Journal of Food and Chemical Toxicology einen Artikel, der die krebs-erregende Wirkung eines gen-manipulierten Nahrungsmittels des Konzerns Monsanto nachwies, auf dessen Druck hin zurück. Mehr dazu im Artikel „Scientific journal retracts study exposing GM cancer risk“ von F. William Engdahl in The Ecologist vom 05.12.2013.