Online-Petition gegen Open Access Regelung im Urheberrechtsgesetz

Zum 1. Januar 2014 traten einige Änderungen am Urheberrechtsgesetz (UrhG) in Kraft, die für Open Access relevant sind und sich vor allem in §38 (4) UrhG finden. Schon vor der Verabschiedung unterlagen diese Neuerungen heftiger Kritik – und das aus mannigfaltigen Gründen: Zwar wird es erlaubt Artikel nach Ablauf eines Jahres Open Access zu stellen, allerdings gilt dies im Wesentlichen nur für Zeitschriftenartikel und nicht für andere gebräuchliche wissenschaftliche Dokumenttypen wie z.B. Konferenzbeiträge, Sammelbandsbeiträge oder Monographien. Viele Kritiker monierten auch die Embargofrist von 12 Monaten als übermäßig lange, zudem dürfen Autoren nur die finale Manuskriptversion des Textes Open Access stellen darf und nicht die offizielle Verlagsversion, auf die man jedoch in zahlreichen Disziplinen zum Zweck exakter Zitierungen Zugriff haben muss.  Nun startete das Aktionsbündnis Urheberrecht gar eine Online-Petition, um den erwähnten Paragraphen gerechter zu gestalten, denn bislang benachteiligt er Wissenschaftler, deren Arbeit nicht überwiegend mit Fördermitteln finanziert ist. Mehr dazu in Telepolis.

High Impact Journale der Medizin und Open Access

Zwanzig Prozent der high Impact Journals der Web Of Science Kategorie General & Internal Medicine erscheinen Open Access: Unter den zehn Journalen  mit den höchsten Journal Impact Factor Werten in dieser Sektion finden sich aktuell zwei Open Access Journale: PLoS Medicine auf Rang 5 und BMC Medicine auf Rang 8.  Unter den zwanzig Top-JIF-Journalen der Kategorie finden sich zwei weitere Open Access Vertreter: The Annals of Family Medicine (Rang 15) sowie Das Deutsche Ärzteblatt International (Rang 20).  Die beiden letztgenannten Zeitschriften verlangen keine Publikationsgebühren, wohingegen bei PLoS Medicine 2.900 US-Dollar und bei BMC Medicine 2.580 US-Dollar Gebühren anfallen. Diese Beträge können aber reduziert werden, z.B. bei entsprechender regionaler Herkunft der Autoren oder Bestehen einer institutionellen Mitgliedschaft ihrer Einrichtungen. Die an dieser Stelle fehlenden Angaben zu Publikationsgebühren der 16 Closed Access Journale sollen ausdrücklich nicht zur Annahme verleiten, diese Zeitschriften verlangten keine Zahlungen dieser Art.

Artikel in PloS Medicine und BMC Medicine erscheinen übrigens unter einer Creative Commons BY Lizenz [1, 2], wohingegen The Annals of Family Medicine und Das Deutsche Ärzteblatt International ihre Publikationen nicht nur unter eine offene Lizenz stellen und sie alleine zum entgeltfreien Download (Gratis Open Access) anbieten.

Science goes Open Access: Honi soit qui mal y pense

Unter anderem Telepolis und der Standard vermeldeten es bereits: Die für die Herausgabe des wissenschaftlichen Journals Science verantwortlich zeichnende American Association for the Advancement of Science (AAAS)  wird eine eigene Open Access Zeitschrift mit dem Namen Science Advances gründen, das erste Issue ist offenbar für Beginn nächsten Jahres geplant. Wer sich an John Bohannons  im Herbst 2013 in Science erschienen Artikel Who is afraid of Peer Review? erinnert, kann von dieser Wendung einigermaßen überrascht sein.

Bohannon nimmt das Geschäftsmodell der wenigen Open Access Journale, die für das Publizieren von Artikeln Autorengebühren einstreichen, als Anlass für eine wahre Philippika gegen Open Access. Es ist schon lange bekannt, dass sich unter diesen Journalen unseriöse Anbieter finden, die zwar die Gebühren einziehen, aber keine Qualitätskontrolle der Inhalte durchführen. Folge ist nun eine Art Bulk Publishing, in dem eine Peer Review nur auf dem Papier existiert und gegen Zahlung mehr oder weniger jeder Inhalt veröffentlicht werden kann. Bohannon unterstellt diese Praktiken nun aber Open Access geradezu in toto und brandmarkt ihn als per se unseriös. Dies ist aus verschiedenen Gründen falsch (s. dazu die Verweise weiter unten), unter anderem ist Bohannons Veröffentlichung methodisch dilettantisch gestaltet und arbeitet mit zahllosen Vereinfachungen. Es sollte aber unbedingt bedacht werden, dass Bohannons Text in Science nicht als wissenschaftlicher Artikel, sondern als journalistischer Beitrag erschien – folglich war dessen, Open Access diskreditierender Gehalt redaktionell gedeckt.

Vor diesem Hintergrund kann der in Science selbst angekündigte Plan, eine Open Access Zeitschrift zu launchen etwas erstaunen. Zumal das Journal wie folgt zu seinem Content kommt: „Papers favorably reviewed at Science, Science Translational Medicine, or Science Signaling but declined for lack of space can be considered automatically for publication in Science Advances. This can occur through a cascading process without further review or further effort on the part of the authors. The goal is to speed publication, alleviate the burden on the reviewer community, and reduce the risk to authors of having to resubmit elsewhere.“

Diesen nüchternen Verlagssprech könnte man so interpretieren:

  • Die Begrenzungen der Druck-Ausgaben durch maximal mögliche Seitenzahlen lassen nur zu, dass eine gewisse Anzahl Artikel in den genannten Journalen erscheint.
  • Die Auswahl der Artikel folgt, wenn man der Logik der Peer Review folgt, nach deren Qualität. Faktisch spielen aber (auch) andere Faktoren eine Rolle, wie z.B. die Reputation des Autors.
  • Folgt man der Logik der Peer Review – wie Science es offiziell tut – dann werden Artikel, die keine ausreichende Qualität hatten, um in Science einen Platz zu finden, in Science Advances veröffentlicht.
  • Für die Publikation in Science Advances fallen allerdings Autorengebühren in noch unbekannter Höhe an: „[T]he new journal will be open access, with publication funded through author processing charges. „
  • Mit Inhalten, die nicht in Science erscheinen und daher keinen Erlös aus Subskriptionen einbringen, generiert die AAAS durch die Autorengebühren für Veröffentlichungen in Science Advances ohne größeren zusätzlichen Aufwand Gewinn, denn die Review (die das Journal eh nur organisiert und nicht selbst leistet) ist bereits durchgeführt.

Kurzum: Es scheint als hätten Science und die AAAS ihren profitablen Frieden mit Open Access und den vormals als korrumpierend portraitierten Autorengebühren gemacht.

N.B.: Mir ist durchaus bekannt, dass auch andere kommerzielle Verlage Open Access Journale betreiben, die implizit nach dem gleichen Prinzip funktionieren.

Zur Kritik an John Bohannons Artikel Who is afraid of Peer Review?:

Ulrich Herb: Unzutreffend, aber schmerzhaft: Der Open-Access-Sting der Zeitschrift Science. In: telepolis, 09.10.2013
Online: http://www.heise.de/tp/artikel/40/40056/1.html

Ralf Krauter & Ulrich Herb: Zu Unrecht in der Kritik? Qualitätssicherung bei Open-Access-Publikationen. Interview im Deutschlandfunk, 16.10.2013
Online: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/2288623/ oder direkt zur MP3-Version

 

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Creative Commons Lizenzen und Open Access Journals

Wissenschaftler tun sich oft noch schwer damit, ihren Lesern (oder Nutzern) Rechte einzuräumen, die über das reine Rezipieren (oder Konsumieren) ihrer Texte hinaus gehen – sogar wenn sie diese Open Access publizieren. Während in anderen Kontexten, z.B. bei der Open Source Software, klar definiert ist, dass offen keine Paraphrase von entgeltfrei nutzbar ist, sondern weitergehende Feiheiten – wie die kommerzielle Verwertbarkeit oder die Möglichkeit, abgeleitete Werke zu erstellen – umfasst, kapriziert sich die Vorstellung von der Offenheit im Open Access rgelmäßig noch auf die rein kostenlose Nutzung von Werken. Eine kleine Erhebung im Directory of Open Access Journals DOAJ, dem zentralen Verzeichnis für Open Access Zeitschriften, gibt einen Einblick in die Akzeptanz von wirklich offenen Lizenzen, die den Ansprüchen der Open Definition genügen. Diese versucht die Prinzipien der Open Source Software auf Wissensinhalte jeder Art zu übertragen.

Von den 9.804 am gestrigen Tag im DOAJ gelisteten Zeitschriften nutzten insgesamt 3.772 (knapp 38%) eine Creative Commons (CC) Lizenz. Auch wenn nur zwei der sechs Creative Commons Lizenzen (CC-BY und CC-BY-SA) den Vorgaben der Open Definition genügen, bringen alle Spielarten gegenüber einer Verfügbarmachung der Texte ohne Lizenz schon Vorteile: So verdeutlichen sie dem Nutzer anschaulich, welche Nutzungsrechte ihm eingeräumt und welche ihm vorenthalten wurden. Überdies hat er in jedem Fall das Recht, den Inhalt weiter zu verteilen, diese Befugnis Recht hätte er bei fehlender Lizenzierung unter CC nicht. Die Nutzung der unterschiedlichen Lizenztypen bei den Journals des DOAJ verteilte sich wie folgt:

Zahl der Journals, die CC-BY nutzen: 1.964
prozentualer Anteil an allen Journals des DOAJ: 20,03%
prozentualer Anteil an Journals des DOAJ, die irgendeine CC-Lizenz nutzen: 52,77%

Zahl der Journals, die CC-BY-SA nutzen: 52
prozentualer Anteil an allen Journals des DOAJ: 0,53%
prozentualer Anteil an Journals des DOAJ, die irgendeine CC-Lizenz nutzen: 1,40%

Zahl der Journals, die CC-BY-NC-ND nutzen: 737
prozentualer Anteil an allen Journals des DOAJ: 7,52%
prozentualer Anteil an Journals des DOAJ, die irgendeine CC-Lizenz nutzen: 19,80%

Zahl der Journals, die CC-BY-NC nutzen: 665
prozentualer Anteil an allen Journals des DOAJ: 6,78%
prozentualer Anteil an Journals des DOAJ, die irgendeine CC-Lizenz nutzen: 17,87%

Zahl der Journals, die CC-BY-NC-SA nutzen: 260
prozentualer Anteil an allen Journals des DOAJ: 2,65%
prozentualer Anteil an Journals des DOAJ, die irgendeine CC-Lizenz nutzen:6,99%

Zahl der Journals, die CC-BY-ND nutzen: 44
prozentualer Anteil an allen Journals des DOAJ: 0,45%
prozentualer Anteil an Journals des DOAJ, die irgendeine CC-Lizenz nutzen: 1,18%
Insgesamt 2.016 (oder 20,56%) der im DOAJ geführten Journals nutzen demnach eine Lizenz (CC-BY oder CC-BY-SA), die mit den Vorgaben der Open Definition kompatibel ist und eine restriktionsfreie Nutzung erlaubt – so werden Nachnutzungen jeder Art erlaubt. Betrachtet man den Subset der Journals, die irgendeine CC-Lizenz nutzen, domieren die den Ansprüchen der Open Definition genügenden Lizenzen sogar knapp: Über 54% aller Journals, die eine CC-Lizenz nutzen, verwenden entweder CC-BY (52,77%) oder CC-BY-SA (1,40%). Überraschend niedrig fällt der Anteil der Journals aus, die die restriktivste CC-Lizenz CC-BY-NC-ND nutzen: Nur 737 Journals (7,52% aller Journals bzw. 19,80% unter den CC-lizenzierten Zeitschriften) verwenden diese Variante, die weder Bearbeitungen oder die Erstellung abgeleiteter Werke (wie Übersetzungen) noch eine kommerzielle Nutzung erlaubt. Überraschenderweise erlauben mehr als die Hälfte (2.060, 55,35%) der unter einer CC-Lizenz stehenden Journals eine kommerzielle Verwertung der Inhalte zu, nur 44,65% (1662) untersagen diese. Die Daten sind verfügbar unter: Herb, Ulrich (2014). Total numbers and shares of Open Access Journals using Creative Commons Licenses as listed by the Directory of Open Access Journals. ZENODO. 10.5281/zenodo.8327

Update 13.02.2014:

Nachdem Christian Heise dieses Posting in hybridpublishing.org aufgriff, stellte Rupert Gatti von openbookpublishers.com dort in einem Kommentar die Frage, ob das DOAJ auch Informationen zu anderen Lizenzierungsoptionen neben den CC-Lizenzen anbiete. Ich habe Rupert Gatti in hybridpublishing.org geantwortet und wiederhole meine Antwort auch hier: Das DOAJ bietet nur Informationen zu vergebenen CC-Lizenzen an. Man könnte zwar die Lizenzbedingungen der Journals, die keine CC verwenden, händisch prüfen – allerdings ist dieses Vorgehen sehr aufwändig. Ein ausbalancierter Ansatz würde darin bestehen, ein Zufallsauswahl (oder einen Mikrozensus) der Journals zu bilden, die keine CC-Lizenz vergeben und ihre Lizenzierung zu prüfen.