„Das ist unkollegial!“ – aber warum sollte man umsonst arbeiten?

Vor Jahren entschloss ich mich, eine Promotion in Informationswissenschaft anzugehen. Das Vorhaben dümpelte lange vor sich hin und nahm erst Fahrt auf, als ich meine Stelle an der Saarländischen Universitäts- und Landesbibliothek vorübergehend auf 50 % reduzierte, um in Sachen Promotion voranzukommen. Kurzum: Das Arbeiten an meiner Dissertation kostete mich durch das, sich aus der Reduzierung ergebende, geringere Einkommen einiges an Geld. Um den finanziellen Verlust wenigstens ein wenig auszugleichen, weitete ich meine freiberuflichen Tätigkeiten etwas aus. Dies geschah in Abstimmung und mit Zustimmung der Universität des Saarlandes sowie im Rahmen der mir von ihr gestatteten Möglichkeiten. In den vergangenen Jahren konnte ich so einige Erfahrungen mit dem Freiberuflertum machen. Besonders interessant waren diese dann, wenn ich sie mit wissenschaftlichen Einrichtungen machte.

Im Jahr 2009 schrieb ich einen Artikel für das magazin c’t mit dem Titel „Vernetzte Forscher – Soziale Netzwerke für Wissenschaftler“. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt meine Stellenanteile an der Universität noch nicht reduziert hatte, hatte ich mir von der Verwaltung der Universität Nebentätigkeiten genehmigen lassen. Kurz nach Erscheinen des Artikels erhielt ich fragende Emails, man wundere sich, dass ich als Open-Access-Befürworter den Artikel nicht frei verfügbar mache. Meine Entgegnung ich habe den Artikel außérhalb meiner Tätigkeiten an der Universität, abends oder am Wochenende auf eigene Kosten und eigene Zeit, verfasst und verstünde daher nicht, warum ich eine Auftragsarbeit für den Heise-Verlag verschenken solle (zumal ich es rechtlich nicht dürfe), beendete zwar die Diskussion, wurde aber meinem Empfinden nach mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Für mich hingegen war (und ist) die Grenze klar: Alles was ich im Rahmen meiner universitären (und damit mit öffentlichen Mitteln finanzierten) Tätigkeiten publiziere, erscheint Open Access. Bei Texten, die ich als Freiberufler verfasse, finde ich es sehr wichtig, wenn diese entgeltfrei im Internet erscheinen (weswegen ich sehr gerne für Telepolis schreibe) – aber anders als bei den universitären Arbeiten beharre  ich, sofern ich Geld für den Text erhalte, nicht darauf: Irgendwie muss der Auftraggeber ja mein Honorar erwirtschaften. Ich will an dieser Stelle auch nur kurz darauf hinweisen, dass nahezu alle Inhalte, die ich freiberuflich erstelle, online entgeltfrei genutzt werden können. Die Diskussionen um den erwähnten (und einen später folgenden) c’t-Artikel sollten aber nur der Auftakt zu einer Reihe mitunter skurriler Erfahrungen sein, bei denenen letztlich immer kostenlose Arbeit erwartet wurde. Einige (und bei weitem nicht alle) dieser Erlebnisse will ich kurz darstellen.

2011 fragte eine Universität einer Stadt, die laut Google Maps circa 650 Straßenkilometer von Saarbrücken entfernt ist, an, ob ich einen längeren Vortrag (wenn ich mich recht erinnere 60 Minuten) zum Thema meiner Dissertation halten könne. Meine Frage nach Reise-, Übernachtungskosten und Honorar führte zur Auskunft, man könne mir pauschal 100 € erstatten: Gelinde gesagt ein Witz. Der Vortrag sollte am späten Nachmittag stattfinden, so dass eine, eher aber zwei Übernachtungen sowie Hin- und Rückreise von mir hätten getragen werden müssen. Ich verdeutlichte meiner Ansprechpartnerin vor Ort, dass ich unter diesen Bedingungen das Angebot ausschlage. Was daraufhin geschah, hat mich verblüfft: Man stellte die Gegenfrage, ob denn nicht mein Arbeitgeber, die Saarländische Universitäts- und Landesbibliothek, Übernachtungs- und Reisekosten tragen könnte. Ich war verdattert und erwiderte, dass meine Promotion mein Privatvergnügen sei und mein Arbeitgeber rein gar nichts davon habe, kurzum es handele sich um zwei völlig getrennte Dinge. Zudem sehe ich nicht ein, warum mein Arbeitgeber einen Vortrag, den ich privat an einer anderen Universität halte, finanzieren solle – dafür sollte doch bitte der Einladende sorgen. Da man anscheinend davon ausging, dass ich den angefragten Vortrag als Dienstreise absolvieren solle, war man der Ansicht, dass mein Arbeitgeber den Vortrag nicht nur finanziell, sondern auch mit Arbeitszeit fördern solle. Man ahnt es: Der Vortrag kam nie zustande. Allerdings war mir der Versuch einer öffentlichen Einrichtung freiberufliche Tätigkeiten bei mir kaufen zu wollen, die Kosten aber auf meinen Arbeitgeber abwälzen zu wollen, nicht zum letzten Mal begegnet.

Im Sommer letzten Jahres und auch dieses Jahr wieder erstellte ich eine Heatmap, die basierend auf Daten des Directory of Open Access Journals (DOAJ) visualisiert, wieviele Open-Access-Zeitschriften in welchem Land erscheinen. Die Heatmaps verbreiteten sich schnell über Social Media, ich nehme daher an sie waren nützlich. Allerdings erntete ich auch Kritik, es wurde moniert, den Daten fehlte Kontextualisierung – was ich bejahe. Sie wären wertvoller, wenn sie mit weiteren Informationen wie z.B. Einwohnerzahl, Wirtschaftskraft der Länder oder vergleichbaren Daten angereichert würden. Ich entgegnete den Kritikern jedoch, dass ich die Heatmap in meiner freien Zeit hergestellt hatte, der Aufwand betrug etwa 45 Minuten unbezahlter Arbeit, und dass jeder sich die Daten, da sie unter einer offenen Lizenz stehen, nehmen und sie selbst nach Bedarf anreichern könne. Alternativ könne man mich auch für die weitere Aufwertung der Daten entlohnen. Man ahnt auch dies: Der letzten Aufforderung kam niemand nach. Einzig Christian Heise, das muss ich betonen, zog sich die Daten und kombinierte sie mit anderen, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Weiterhin muss ich anmerken, dass Christian dies ohne vorherige Kritik und aus freien Stücken machte, nicht erst nach einer Diskussion inklusive Verweis auf diese Option. Hingegen war keiner der Kritiker dazu in der Lage, die Daten selbst aufzubereiten, man erwartete anscheinend unentgeltliche Arbeit.

Besonders dreist war jedoch eine Anfrage für einen Workshop. Die anfragende Person versuchte mich zuerst an der Universität zu erreichen, allerdings war ich wegen einer Erkältung krank daheim. Dies teilt mein Kollege dem Anfragenden mit, der mich jedoch umgehend auf meiner privaten Handynummer anrief, die er aus meinem Kollegen herausgequetscht hatte. Als die Person mir am Handy ihr Anliegen schildert, landen wir schnurstracks in einer Diskussion, denn ich bitte sie das Telefonat am folgenden Tag zu führen, da ich ja krank sei und schlecht an der Uni fehlen, aber freiberuflich aktiv sein könne. Nach 10 Minuten sieht die Person dies ein und wir telefonieren einen Tag später. Ich erstelle am folgenden Tag abends flugs ein Konzept und schicke es an den Ansprechpartner, der es dem Beirat der Organisation weiterreicht. Der Beirat moniert widersprüchliche Dinge, worauf ich den Ansprechpartner hinweise; ich beginne an dem Vorhaben zu zweifeln. Zudem gibt es eine sehr lange Liste an Themen, die der Beirat abgearbeitet haben will. Ich teile dem Ansprechpartner daher mit, dass diese Vielfalt an Themen nur in einem dreitägigen Workshop zu behandeln wäre. Allerdings rate ich von einer so langen Veranstaltung ab, da sie geringe Teilnehmerzahlen zur Folge hat und für alle Beteiligten ermüdend ist. Der Gegenvorschlag meines Kontakts besagt, ich könne den Inhalt auch in zwei sehr langen Tagen unterbringen, mit Workshops von 08:00 bis 18:00, zudem ginge man von 60 bis 80 Teilnehmern aus. Erheitert retourniere ich, bei 60 Teilnehmern wäre es angemessener nicht von einem Workshop, sondern von einem Vortragsmarathon zu sprechen. Der Ansprechpartner ist unbeeindruckt und gibt mir zu verstehen, dass zwei Tage für ihn kostengünstiger als drei sind, da mein Honorar geringer ausfällt und er eine Übernachtung spare. Überdies macht er den Vorschlag, meine Universität könne den Flug zahlen, wenn ich ihr die Veranstaltung als Dienstreise verkaufe. An dieser Stelle steige ich aus und teile dem Kontakt mit, dass ich weder meinen Arbeitgeber betrügen werde, noch mich ausbeuten lasse. Der reagiert brüsk und bezichtigt mich unkollegialen Verhaltens.

Die Liste der Versuche, Arbeit und Ideen umsonst zu bekommen, ist endlos lang: Darauf finden sich Einladungen (wohlgemerkt ohne Zahlung von Reisekosten) zu Brainstorming-Sitzungen, mit dem Ziel Ideen für Projektanträge fremder Einrichtungen zu sammeln, oder auch das Zurückhalten zugesagter Reiseerstattungen. Ganz klar, die positiven Erfahrungen und Kontakte (z.B. diejenigen, die hier zu finden sind) überwiegen deutlich. Allerdings – und mehr möchte ich mit diesem Posting nicht mitteilen – hätte ich nie erwartet, dass ich so oft auf Versuche, besonders von öffentlichen Einrichtungen, stoßen würde mich finanziell zu übervorteilen, unbezahlte Arbeit zu verlangen oder gar, noch dreister, meinen Arbeitgeber zu betrügen.

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