Jeffrey Bealls Liste der predatory publishers offline – ein Ausblick

Seit Kurzem ist Jeffrey Bealls Liste der predatory publishers offline. Beall, Bibliothekar an der University of Colorado in Denver, pflegte diese Website, um räuberische (predatory) Journale und Verlage anzuprangern, die gegen Zahlung einer Publikationsgebühr jeden Artikel ohne Qualitätsprüfung publizieren. Seine Initiative war sehr hilfreich, richtete sie doch den Blick auf ein Geschäftsmodell, welches das Vertrauen in das wissenschaftliche Publizieren untergräbt. Es gab auch umfangreiche Kritik an Beall, so warf man ihm Willkür bei der Bewertung von Journalen und die wechselhafte Nutzung schwammiger Bewertungskriterien vor. Insbesondere attackierte er mitunter in trollhafter Art Open Access.

Warum Bealls Liste nicht mehr online ist, bleibt unklar. Mitunter mutmaßt man er habe sie aus Furcht vor Klagen der Unseriosität bezichtigter Verlage vom Netz genommen. Tatsächlich wurde ihm bereits mit juristischen Schritten gedroht. Wie geht es aber weiter? Das Internet Archive hält eine Archiv-Version der Liste vom 15. Januar parat und in Indien wurde eine White List vertrauenswürdiger Journale publiziert. Diese Liste basiert auf der Datenbank Scopus, die leider – wie die meisten Zitationsdatenbanken – ein sprachliche Unwucht zugunsten englischsprachiger Journale aus englischsprachigen Ländern hat, so dass ein derartiges Instrument Journale anderer Sprachen und Herkunft diskriminiert. Benachteiligt sind auch neu gegründete Journale, denn Zeitschriften müssen eine gewisse Zeit existieren bis sie in Datenbanken wie Scopus aufgenommen werden. Allerdings existieren Hinweise wonach Bealls Liste als Service des Publikationsdienstleisters Cabell International neu gelauncht wird – was sicher bedeutet, dass ihre Nutzung kostenpflichtig wird und womit Open Access ein neues Geschäftsmodell produziert hätte. Ratsuchende Wissenschaftler seien einstweilen auf Angebote wie Think – Check – Submit oder Quality Open Access Market verwiesen.

Share This:

Kontaktstudium „Open Access & Open Science“ an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart

Im Sommersemester 2017 biete ich an Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart einen Kurs zu Open Access & Open Science im Kontaktstudium der HdM an, auf den ich hier hinweisen will. Der Kurs besteht aus Online-Phasen und zwei Präsenzterminen am 25.02.2017 (Samstag) sowie dem 24.03. und 25.03.2017 (Freitag und Samstag), so dass die Teilnahme berufsbegleitend möglich ist.

Die Anmeldung ist über die Website der HdM möglich. Hier auch die ausführliche Kursbeschreibung:

Vor circa fünfzehn Jahren erlangte Open Access erstmals größere Aufmerksamkeit, als Wissenschaftler und Bibliothekare 2001 die Budapester Open Access Initiative ins Leben riefen und entgeltfreie Nutzbarkeit wissenschaftlicher Publikationen forderten. Anfangs verunglimpft, wurde Open Access zu einem Erfolgs- und Geschäftsmodell: Die Zahl der entgeltfrei verfügbaren Dokumente stieg stetig und schneller als der Gesamtoutput wissenschaftlicher Werke. Und erst 2016 rief die EU die Vorgabe aus, alle wissenschaftlichen Publikationen bis zum Jahr 2020 Open Access zu publizieren. Nahezu zeitgleich lancierte die Max-Planck-Gesellschaft die Initiative Open Access 2020, die als Ziel hat, Subskriptionsjournale umfassend zu Open-Access-Journalen zu transformieren und dabei auf die Finanzierung dieser Open-Access-Journale durch Publikationsgebühren setzt. Trotz dieser Fortschritte wird das Ansehen von Open Access auch massiv bedroht, vor allem durch das sogenannte Predatory Publishing, bei dem Journale die genannten
Publikationsgebühren einstreichen, allerdings keinerlei Qualitätskontrolle der  eingereichten Artikel vornehmen – wodurch betroffene Autoren nicht nur um Geld gebracht werden, sondern auch ihren Ruf gefährden.
Die sich abzeichnenden und bereits ereignenden Veränderungen betreffen Bibliotheken unmittelbar, sie verwandeln sich zu Dienstanbietern, die Open-Access-Publikationsangebote in Form von Open-Access-Verlagen oder -Journalen betreiben, Beratung über seriöse Open-Access-Verlage anbieten oder die Verwaltung von Open-Access-Publikationsfonds innehaben. Allerdings werden Bibliotheken zusehends nicht nur Kompetenzen im Kontext der Textpublikationen abverlangt, ihnen werden
auch Funktionen in den Bereichen der Bereitstellung von Forschungsdaten abverlangt und sie spielen in Big-Data-Szenarien ein Rolle, etwa wenn es darum geht Lizenzen auszuhandeln, die Forschern Text & Data Mining erlauben. Kurzum: Neben Open Access ist auch Open Science eine Herausforderung an Bibliotheken.
Das Modul informiert über Entwicklungen im Open Access und in der Open Science,
speziell im Hinblick auf Tätigkeitsbereiche in Bibliotheken und die Entwicklung von Open-Access-Angeboten in Bibliotheken. Im Mittelpunkt stehen die Besonderheiten
des offenen Zugangs zu Texten und Daten sowie die Eigenschaften der Open-Content-Lizenzen, nicht aber technisch-infrastrukturelle Aspekte z.B. des Forschungsdatenmanagements oder Lizenzen aus dem Subskriptionsgeschäft.
Angesichts des Zuwachses an Open Access und den Bestrebungen Open Access zum dominierenden Publikationsmodell zu machen, das das Subskriptionsverfahren weitgehend ablösen soll, können so Anregungen und Einblicke in sich entwickelnde Geschäftsfelder von Bibliotheken gegeben werden.

Weitergehende Informationen können der Modulbeschreibung entnommen werden.

 

Share This:

Elsevier: Konflikte in Taiwan, Finnland, Peru und Deutschland

Ende 2016 berichtete ich in Telepolis über die geplatzten Verhandlungen des Projekts DEAL mit dem Wissenschaftsverlag Elsevier, deren Ziel es war – unter für Bibliotheken akzeptablen finanziellen Bedingungen – ein nationales Konsortium zum Bezug von Closed-Access-Zeitschriften des Verlages inklusive Open-Access-Optionen zu verhandeln. Auch in Finnland stand eine landesweite Einigung mit Elsevier vor dem Scheitern. Während deutsche Bibliotheken, die in der Hoffnung auf eine Einigung zwischen DEAL und Elsevier ihre Verträge mit dem Verlag für 2017 kündigten bzw. nicht verlängerten, nun auf Fernleihe, ähnliche Dokumentlieferdienste oder andere Alternativen setzen, einigte man sich in Finnland auf ein einjähriges Moratorium, während dessen Wissenschaftler weiter Zugriff auf Elsevier-Journale haben und die Konditionen einer landesweiten Abmachung neu verhandelt werden sollen.

In Taiwan, so berichtete Nature, scheiterte ebenfalls der Abschluss eines nationalen Elsevier-Konsortium, woraufhin der Verlag Verhandlungen mit einzelnen Universitäten startete, die von den Hochschulen jedoch offensichtlich abgelehnt werden. Ziel war auch hier eine Reduktion der hohen Preise für Elsevier-Zeitschriften. Zur Schließung der Versorgungslücke setzt man in Taiwan vor allem auf einen internationalen Dokumentlieferdienst der Colorado State University Libraries. Auch in Peru haben Wissenschaftler seit dem ersten Januar dieses Jahres keinen Zugang mehr zu Elsevier-Inhalten. Bis zum Jahr 2012 konnte Peru durch das von der World Health Organization WHO betriebene Projekt HINARI, das finanzschwachen Ländern vergünstigten Zugang zu wissenschaftlicher Literatur sichert, auf Publikationen des Verlages zu greifen. Diese Option entfiel jedoch angesichts der positiven wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Ab 2013 ging man einen dreijährigen Vertrag mit Elsevier ein, der das Land zehn Millionen US-Dollar kostete, und dessen Fortführung inklusive einer nicht bezifferten Preissteigerung man ab 2017 nicht zu finanzieren in der Lage war.

Share This:

Academic journals: boycotts, negotiations and allegation of abuse of market power

Originally published as: Ulrich Herb (2016). Wissenschaftsjournale: Boykott, Verhandlungen und Vorwurf des Missbrauchs der Marktmacht. In: telepolis, 13.12.2016

Academics and libraries grapple with Elsevier – a never-ending story

For years, academic publisher Elsevier has been strongly criticised for its business strategies: Nationwide licensing negotiations are presently faltering in Germany and Finland, while in Great Britain the publisher is facing difficulties over abuse of its market power.

Elsevier is seen as contentious – the publishing house regularly generates profits of between 30% and 40%, and in 2015 profits amounted to 36.71%, or 760 million British pounds. Such margins can only be achieved by pursuing extremely aggressive pricing policies, however.

It is precisely these business practices that prompted mathematician Timothy Gowers, 1998 winner of the Fields Medal, the equivalent to the Nobel Prize in mathematics, and Tyler Neylon, to call for a boycott of Elsevier in 2012. Those who joined the campaign on website The Cost of Knowledge declared their commitment to neither submitting articles to the publisher’s journals, nor reviewing them or acting as an editor for Elsevier magazines.

Although the campaign attracted more than 16,000 signatories and found great resonance in the media, it had little influence on the business practices of the publisher. This explains why German scientific institutions came together in the guise of Project DEAL to persuade Elsevier to back down on the pricing of its publications.

DEAL was initiated by the Alliance of Science Organisations in Germany, however the German Rectors‘ Conference (HRK) is taking the lead role. The goal is to achieve national licensing agreements for the entire programme of electronic magazines from the major academic publishers, namely Elsevier, Springer Nature and Wiley. The organisations joined forces in order to strengthen the negotiating power of the scientific institutions and the universities and their libraries, and in the anticipation of making savings in the licensing of scientific journals.

Profit margin of 40 per cent

The prices of these journals rise each year by around 5 to 7%, which results in such dramatic funding shortfalls in the acquisition of academic literature that a phrase has been coined to describe the situation: the Serials Crisis. Elsevier was agreed on as the pilot partner for these negotiations; the stated goal was aiming to achieve “a significant change compared to the present situation in negotiations, contents and pricing structure”. In particular, the initiative was designed to provide financial relief and encourage consideration of an open access component intended to make it easier for academics to provide the public with open access to articles in Elsevier journals.

Last Friday the Alliance of Science Organisations in Germany published a press release which gives some indication that Elsevier is not to be messed with when it comes to money. The Alliance criticised the publisher’s contract offer as follows: „This offer does not comply with the principles of open access and fair pricing. Despite its current profit margin of 40 percent, the publisher is still intent on pursuing price increases that are higher than the licence fees paid until now. The publisher rejects more transparent business models that are based on the publication service and would make publications more openly accessible.“ The Alliance of Science Organisations in Germany goes on to state that it rejects Elsevier’s offer, and calls on the publisher to submit an new proposal.

Numerous libraries, such as the Berlin State Library, for example, have terminated their own contracts with Elsevier as far as possible in the past in order to lend more emphasis to the action by the consortium, and are now faced with the choice of either relying on progress in the DEAL negotiations or once again entering into their own agreements with Elsevier. Gaps in acquisitions that occur in the interim must be filled – for better or worse – by interlibrary loans or other document delivery services.

Just how hard it is to negotiate with major academic publishers is no secret in Finland either, where universities and scientific bodies had to pay a hefty 27 million euros for subscriptions to academic journals in 2015. As a result, the attempt was also made in Finland to persuade major academic publishers to enter into nationwide consortia using open access options.

The result was similar to that for the DEAL project – currently it seems extremely unlikely that agreement will be reached by the deadline for negotiations on 31.12.2016, after which the supply of the publishers’ titles will end. In order to put pressure on the publishing houses, the attempt – similar to the Elsevier boycott mentioned above – is being made to convince academics to no longer work as reviewers or editors for journals whose publishers cannot reach agreement with the FinElib Consortium which is conducting the negotiations. It seems doubtful whether this campaign will be successful, given Elsevier’s obduracy.

Market monopoly and abuse of power

What might create more of a headache for the publisher is a move by Martin Paul Eves, Professor at the University of London, Dr John Tennant, Imperial College London and Stuart Dawson, doctoral candidate at the University of London. The three academics are applying for an investigation into Elsevier for abuse of market power by the Competition and Market Authority. The basis for their action includes scholarly proofs of concentrations in the academic publications market, where, according to an investigation by Vincent Larivière, Stefanie Haustein and Philippe Mongeon, Elsevier, Springer and Wiley shared almost 50% of the market in 2013 – and rising.

Furthermore, in the view of Eve, Tennant and Lawson, market rules have been breached due to lack of price transparency, because contractual agreements between publishers and universities usually included strict confidentiality clauses that prevent any price competition. In addition, they say that academic journals are not substitutable, meaning that a university cannot simply unsubscribe from an Elsevier journal and replace it with a cheaper journal from another supplier – the contents are too different, even in the case of journals in the same sub-discipline.

This aspect, the non-substitutable nature of academic content, is precisely the card that Elsevier is playing in its negotiations with DEAL and the FinElib consortium – abstaining from the core journals in their discipline is impossible for any academic, even though – and this is the crux of the matter – it is not the publisher that produces the indispensable content, but the authors, reviewers and editors. The publisher only sells this content – and does so, furthermore, without rewarding those who create it and whose institutions can no longer afford it.

Share This:

Questions Surrounding Affordable Open Access

Ein kurzer Hinweis auf ein Interview mit Danielle Padula von scholastica zu Open Access, E-Publishing, Machtverhältnissen im wissenschaftlichen Publizieren und nachhaltigem Open Access: Questions Surrounding Affordable OA – viel Vergnügen bei der Lektüre.

Share This:

Mitschnitte zum Symposium „Open Access, Open Data, Open Science – Von der Bewegung zum Geschäftsmodell“ online

Vom 28.04. bis 30.04.2016 fand, organisiert von Prof. Dr. Gerhard Fröhlich, an der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz ein Symposium mit dem Titel Open Access, Open Data, Open Science – Von der Bewegung zum Geschäftsmodell statt. Ich steuerte dazu einen Vortrag mit dem Titel Open Access – Die Revolution bleibt aus bei. Die Folien dazu stellte ich bereits vor längerer Zeit online, nun ist auch ein Radiomitschnitt des Cultural Broadcasting Archive (CBA) dazu erschienen: https://cba.fro.at/329094.

Das CBA publizierte auch weitere Mitschnitte, u.a. mit Prof. Dr. Gerhard Fröhlich über Strategeme der Informationsvorenthaltung sowie Dr.in Terje Tüür-Fröhlich zu Citation Indexing: Errors as Trade Secrets?. Der Mitschnitt ist verfügbar unter: https://cba.fro.at/329089.

Mitschnitt zwei, online unter https://cba.fro.at/329091, umfasst die Vorträge von Dr.in Andrea Ghoneim mit dem Titel Open Educational Resources, Mag.a Daniela Fürst über das Projekt Cultural Broadcasting Archive sowie den Vortrag von Dr.in Terje Tüür-Fröhlich mit dem Titel Prädikat: frauenfreundlich! Open Access in der qualitativen Sozialforschung.

Der dritte Mitschnitt, https://cba.fro.at/329092, beinhaltet den Vortrag von Dr.in Terje Tüür-Fröhlich MSSc mit dem Titel Predatory Journals & Quantitative Evaluation: The Case of Estonia.

Share This:

Wissenschaftliches Publizieren – Zwischen Digitalisierung, Leistungsmessung, Ökonomisierung und medialer Beobachtung

Kürzlich publizierten Peter Weingart und Niels Taubert einen Sammelband, der Lesern dieses Blogs und meiner Arbeiten wohl interessant erscheinen dürfte, die Beiträge im Open-Access-Werk befassen sich mit der Diversität wissenschaftlichen Publizierens, Open Access, Open Science, Qualitätssicherung, Peer Review, Predatory Publishing, der Evaluierung von Wissenschaft, Impact und verwandten Themen.

Die bibliographischen Angaben lauten:

Weingart, Peter; Taubert, Niels (Hrsg): Wissenschaftliches Publizieren –
Zwischen Digitalisierung, Leistungsmessung, Ökonomisierung und medialer
Beobachtung. De Gruyter, 2016.
https://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/463455

Hier das Inhaltsverzeichnis:

 

 

Share This: