Kontextualisierung

Motivation

Die Motivation zum wissenschaftlichen Publizieren ist durch unterschiedliche intrinsische und extrinsische Faktoren bedingt. Dazu zählen:

  • Forscherdrang
  • Libido sciendi (Bourdieu 1998)
  • Erbringung eines wissenschaftlichen Existenznachweises
  • Karrierestreben
  • Nachweis der eigenen wissenschaftlichen Befähigung
  • Inhaltliche Profilierung
  • Aufbau persönlicher fachlicher Reputation
  • Beruflicher Imagegewinn
  • Verbreitung einer Idee
  • Formulieren eines Prioritätsanspruchs auf eine Idee/ ein wissenschaftliches Konzept
  • Eine wissenschaftliche Karriere erfordert regelmäßiges Publizieren (vom martialischen Slogan publish or perish auf den Punkt gebracht wird)
  • Pragmatismus: Stelle und/oder Fachzugehörigkeit verlangt Publikationsaktivitäten
  • Erwartung wissenschaftlichen Feedbacks
  • Individuelle finanzielle Interessen
  • Wissenschaftliches Überleben: Sichern der eigenen Anstellung
  • Aussicht auf finanzielle Förderung, Erwirtschaften von Forschungsgeldern

Relevanz

Das Publikationsverhalten eines Wissenschaftler ist sowohl auf individueller als auch organisatorischer Ebene von Belang (Herb 2008): Individuell hängen die Karrierechancen der Wissenschaftler von ihrer Reputation ab. Diese wird in aller Regel über den wissenschaftlichen Impact (sprich: die wissenschaftliche Wirkung) ihrer Publikationen zu bestimmen versucht. Der Impact wird meist ermittelt über Zitationen,

  • teils bezogen auf Zeitschriften, in denen Wissenschaftler publizieren, z.B. mittels des Journal Impact Factor (JIF)
  • teils bezogen auf Publikationen eines Wissenschaftlers, z.B. Hirsch Index (h-Index)

Die organisatorische Relevanz ergibt sich maßgeblich aus Hochschulevaluation und Leistungsorientierter Mittelvergabe (LOM), diese Regelungsverfahren entscheiden über zukünftige materielle und personelle Ausstattung von wissenschaftlichen Einrichtungen und durch Entzug oder Erhöhung von Mitteln auch über die Wahl von Forschungsschwerpunkten. Zu den Kriterien, die typischerweise bei Evaluierungen oder LOM-Verfahren herangezogen werden, zählen

  • Anzahl der Promotionen
  • Umfang der eingeworbenen Drittmittel
  • Publikationsverhalten, bestimmt in der Regel über Zitationsmaße wie den JIF oder den h-Index

Funktionale Sicht

Der Wissenschaftsforscher Gerhard Fröhlich (2009, S. 255 f.) attestiert wissenschaftlichen Journalen als Archetypen wissenschaftlicher Publikationen folgende Funktionen, die sich durchaus auch auf andere wissenschaftliche Publikationstypen verallgemeinern lassen:

  • Archivierung
  • Qualitätskontrolle
  • Rationalisierung
  • Ausbildung neuer Subdisziplinen
  • Schaffung und Fortschreibung von Hierarchien

Fröhlich mischt in dieser Aufzählung deskriptive Eigenschaften des wissenschaftlichen Publikationsbetriebs mit normativen, an anderer Stelle diskutiert er intensiv die etablierten Qualitätssicherungsverfahren (etwa Fröhlich 2003), s. auch das entsprechende Kapitel dieses Manuals.

Genese wissenschaftlicher Journals

Wissenschaftliche Journale kamen mit Beginn des 17. und im 18. Jahrhundert auf und gingen aus Briefkorrespondenzen bzw. Kalendern, Almanachen oder Sitzungsakten wissenschaftlicher Gesellschaften hervor (Fröhlich 2009, S. 254 f.). Die Voraussetzung für die Entstehung wissenschaftlicher Kommunikation und Publikation war also die Etablierung eines regelmäßigen öffentlichen Postverkehrs. Henry Oldenburg, Sekretär der Londoner Royal Society, organisierte die Verteilung (bzw. das Verschicken) der wissenschaftlichen Papiere und schuf 1665 die „Philosophical Transactions“, die hundert Jahre später von der Royal Society übernommen wurden (vgl. Fröhlich 2009, S. 254). Die Philosophical Transactions druckten eingesandte Dokumente auszugsweise ab – die ersten einhundert Jahre ohne Begutachtung. Die Publikationsdichte der damaligen Journale (zeitlicher Abstand der Hefte resp. Issues) richtete sich nach dem Takt des Postkutschenverkehrs (vgl. Fröhlich 2009, S. 255).

Normative Sicht

Folgt man den Ansichten des Wissenschaftstheoretikers Karl Popper (vgl.  Fröhlich 2009, Popper 1970) müssen Wissenschaftler publizieren, denn Wissenschaft ist kein Einmannunternehmen, sie erfordert Kommunikation. Kommunikation ist essentielles Element wissenschaftlicher Methoden: „Ohne öffentliche Darstellung, ohne intersubjektive Kontrolle, ohne Kritik Dritter ist nach Popper eine Untersuchung nicht wissenschaftlich.“ (Fröhlich, 2009, S. 253). Eine Objektivität einzelner Wissenschaftler ist nicht möglich, Popper erscheint eine Annäherung an Objektivität im Sinne intersubjektiver Überprüfung nur im Austausch mit anderen erreichbar: „Die Wissenschaft, und insbesondere der wissenschaftliche Fortschritt, ist nicht das Ergebnis isolierter Leistungen, sondern der freien Konkurrenz der Gedanken“ (Popper 1987, S. 121).

Robert Merton (1983)  definierte vier Postulate des Wissenschaftsethos (vgl. Fröhlich 2009), die für Wissenschaftskommunikation und wissenschaftliches Publizieren von Relevanz sind:

  • Universalismus: Die Position (ethnische Herkunft, Geschlecht, Status) des Senders muss gleichgültig sein.
  • Kommunismus: Für Merton sind die „materiellen Ergebnisse der Wissenschaft (..) ein Produkt sozialer Zusammenarbeit und werden der Gemeinschaft zugeschrieben. Sie bilden ein gemeinsames Erbe, auf das der Anspruch des einzelnen Produzenten erheblich eingeschränkt ist. Mit dem Namen ihres Urhebers belegte Gesetze oder Theorien gehen nicht in seinen oder seiner Erben Besitz über, noch erhalten sie nach den geltenden Regeln besondere Nutzungsrechte. Eigentumsrechte sind in der Wissenschaft aufgrund der wissenschaftlichen Ethik auf ein bloßes Minimum reduziert. Der Anspruch des Wissenschaftlers auf sein ‚intellektuelles Eigentum‘ beschränkt sich auf die Anerkennung und Wertschätzung, die (…) in etwa mit der Bedeutung dessen übereinstimmt, was in den allgemeinen Fonds des Wissens eingebracht worden ist.“  (Merton 1972, S. 51)
  • Uneigennützigkeit: „Wissenschaftler dürfen nur der Erkenntnis verpflichtet sein, und dürfen nicht Methoden oder Ergebnisse für Karriere- oder Auftraggeberinteressen zurechtbiegen.“  (Fröhlich 2009, S. 254)
  • Organisierter Skeptizismus: Dieses Postulat ist methodisch und institutionell zu verstehen, es verlangt „die unvoreingenommene Prüfung von Glaubenshaltungen und Überzeugungen aufgrund empirischer und logischer Kriterien … ‚Ein Professor ist ein Mensch, der anderer Meinung ist.'“  (Merton 1972, S. 55)

Literatur

Bourdieu, P. (1998). Vom Gebrauch der Wissenschaft. Für eine klinische Soziologie des Wissenschaftlichen Feldes. Les usages sociaux de la science. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz.

Fröhlich, G. (2009). Die Wissenschaftstheorie fordert Open Access. Information – Wissenschaft & Praxis, 60(5), 253-258. Verfügbar unter http://eprints.rclis.org/13561/.

Herb, U. (2008). Vermessung der Wissenschaft. Telepolis, 01.11.2008. Verfügbar unter http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28942/1.html.

Merton, R. K. (1972). Wissenschaft und demokratische Sozialstruktur. In: P. Weingart (Hrsg.), Wissenschaftssoziologie I. Wissenschaftliche Entwicklung als sozialer Prozeß, S. 45-59. Frankfurt am Main.

Merton, R. K. (1983). Auf den Schultern von Riesen. Suhrkamp Verlag KG.

Popper, K. (1970). Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bern/ München: Franke.

Popper, K. (1987). Das Elend des Historizismus (6. Aufl.). Tübingen: Mohr.

 

Cite this article as: Ulrich Herb, Kontextualisierung, in scinoptica, 5. September 2016, https://www.scinoptica.com/materialien/wissenschaftliches-publizieren/kontextualisierung-wissenschaftliches-publizieren/.

 

 

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