Open Access, Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften

Nicht nur beim Thema Big Data & Soziologie traten die Disziplinspezifika wissenschaftlichen Arbeitens in meiner Wahrnehmung verstärkt in den Vordergrund, sondern auch bei den Open Access Tagen 2013 in Hamburg. In einer Session zu Social Media gab Marco Agnetta einige Einblicke in die Vorbehalte der Geisteswissenschaften gegenüber Open Access.

Vorab: Auch mir leuchten die Prestigevorbehalte einiger Geisteswissenschaftler partout nicht ein, die dazu führen, dass man mitunter mehrere tausend Euro für das Verlagen eines Buches im Print-Only bei einem althergebrachten, fachlich verankerten Verlag ausgibt, während man für deutlich weniger als tausend Euro das gleiche Werk Open Access und gedruckt, dazu unter Erhalt aller Autorenrechte, publizieren könnte. Allerdings wurde mir klar, dass Geisteswissenschaftler (zumindest jüngere und aufgeschlossene) stark mit Open Access sympathisieren, sich aber nicht wenige Fachvertreter von den Änderungen des Ökosystems wissenschaftlichen Publizierens erschreckt fühlen und Open Access (zu Recht) als Teil dieser Änderungen und (wohl zu Unrecht) als Gefährdung der fachlichen Integrität wahrnehmen.

Geisteswissenschaften (so diverse Ausformungen sie kennen) nehmen Open Access anscheinend bisweilen als Element in einem ganzen Ensemble von (aus Sicht der Disziplinen) externen Erwartungen und Zwängen war, die ihre fachliche Identität bedrohen. Open Access reiht sich in der Wahrnehmung so ein in eine Liste an von außen an die Geistenswissenschaften herangetragener Forderungen, deren Logik fachintern bestritten wird und die nicht akzeptiert werden, dazu gehören Drang/ Zwang zur Internationalisierung der Forschung, Digitalisierung der Forschung als condicio sine qua non sowie zur Kollaboration. Folglich wäre eine bewusste Lösung von Open Access aus dieser, in anderen Fächern vielleicht nützlichen, Verschränkung paradigmatischer Forderungen für seine Akzeptanz in den Geisteswissenschaften nützlich.

Ähnliches könnte auch für sozialwissenschaftliche Fächer gelten, wie etwa die eingangs erwähnte Soziologie, in der Open Access zumindest in Teilen ebenfalls als Element eines, eine adäquate Fachtraditon wissenschaftlichen Publizierens gefährdenten Diskurses wahrgenommen wird.  Völlig zu Unrecht, wie ich finde, denn Open Access hat meiner Meinung nach für die Soziologie sehr, sehr viele Vorteile zu bieten und wird von manchen Vertretern zu Unrecht als logisch verwandt mit dem teils formulierten (sowie meist unsinnigen und inhaltlich sinnlosen) administrativen Zwang zu Mehrautorenpublikationen, internationalen Kooperationen oder englisch-sprachigem Publizieren betrachtet.

Auswahlbibliographie zur Qualitätssicherung in (geistes-)wissenschaftlichen Zeitschriften

Bei der Recherche nach Literatur zur Qualitätssicherung wissenschaftlicher Publikationen stieß ich auf diese recht interessante Veröffentlichung der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel:
Bergemann, Hans: Auswahlbibliographie zur Qualitätssicherung in (geistes-)wissenschaftlichen Zeitschriften. Fassung Juni 2010, zusammengestellt im Auftrag der Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel, online unter: http://www.hab.de/forschung/qualitaetssicherung/Bibliographie.pdf

TEXTUS

Jonathan Gray skizziert in einem aktuellen Blogpost, den ich, teilweise übersetzt, kurz wiedergeben will, den Entwurf einer Open Source Plattform zum Verwalten und Bearbeiten von Texten und Metadaten. Die Skizze berücksichtigt vorrangig Anforderungen aus den Geisteswissenschaften, könnte aber auch für andere Disziplinen interessant sein. Grays Entwurf trägt den Namen TEXTUS und soll folgende Features aufweisen:

  • Transkriptionsfunktionen für Bilder, PDFs und nicht-maschinenlesbare Quellen
  • Übersetzungsfunktionen und Möglichkeiten Originaltext und Übersetzung einfach zu vergleichen
  • Annotationsfunktionen sowie Funktionen zum Teilen der Annotationen
  • Funktionen zum Pflegen, Teilen und Exportieren bibliographischer Daten wissenschaftlicher Artikel sowie von Metadaten zu Quellen, die in TEXTUS publiziert wurden.

Zum Einsatz kommen verschiedene Open Source Tools resp. Open Knowledge Services, unter anderem: Annotator (ermöglicht das Hinzufügen von Annotationen zu Websites), Bibserver (Werkzeug-Bundle zur Verwaltung bibliographischer Metadaten), Public Domain Works (Verzeichnis von Quellen, die in der Public Domain stehen) sowie Scripto (Erstellen von Transkriptionen in dokumentarischen Projekten). TEXTUS wird zudem auf WordPress basieren.

Jonathan Gray fordert Interessierte zur Diskussion in der Open-Humanities Mailing List der Open Knowledge Foundation auf.

Living Books in den Geisteswissenschaften

Die Living Books about Life wenden das Modell der Compound Objects für die Geisteswissenschaften an und basieren auf der ausschließlichen Verwendung von Open Access Materialien. Wie Kollege Daniel Mietchen treffend anmerkte, wirkt die uneinheitliche Lizenzierung der Ausgangsmaterialien etwas hinderlich. Dennoch handelt es sich bei der Living Books about Life Reihe um ein höchst interessantes Vorhaben. Mehr dazu bei Telepolis.