unpaywall.org: Was man beim Open-Access-Tool beachten muss

Äußerst nützlich: Das Browser-Plugins unpaywall zeigt Nutzern an, ob es eine Open-Access-Version zu einem gesuchten Dokument gibt, zu dem sie keinen Zugriff haben. Beim Besuch der Frontdoor bzw. Abstract-Seite eines wissenschaftlichen Werks prüft das für Chrome und Firefox erhältliche Plugin, ob es eine alternative entgeltfrei verfügbare Version des gesuchten Textes gibt. Das Tool setzt dabei auf dem Index der Open-Access-Suchmaschine BASE (Bielefeld Academic Search Engine) auf, folglich wird nicht jede Open-Access-Version eines Dokuments gefunden, sondern nur solche, die auf Servern veröffentlicht wurden, die in BASE indiziert sind. Anscheinend sucht unpaywall Open-Access-Versionen über die DOI, wodurch der Nutzen etwas weiter eingeschränkt wird, denn nur, wenn der Server die Original-DOI der Verlagspublikation in den Metadaten ausweist und an BASE übermittelt, wird eine etwaige Open-Access-Version gefunden. Das belegt ein Test mit zwei eigenen Artikeln:

  • Ulrich Herb (2017). Open Access zwischen Revolution und Goldesel. Eine Bilanz fünfzehn Jahre nach der Erklärung der Budapest Open Access Initiative. Information. Wissenschaft & Praxis, 68(1), 1–10.  DOI:10.1515/iwp-2017-0004
    Die Open-Access-Version unter http://eprints.rclis.org/30959/ wird nicht mittels unpaywall gefunden, obwohl der Server in BASE indiziert ist.
  • Ulrich Herb, Eva Kranz, Tobias Leidinger & Björn Mittelsdorf (2010). How to assess the impact of an electronic document? And what does impact mean anyway?: Reliable usage statistics in heterogeneous repository communities. In: OCLC Systems & Services. Volume 26 (2010) Issue 2, S. 133-145.
    DOI: 10.1108/10650751011048506.
    Auch hier wird die Open-Access-Version unter http://scidok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2010/3158/
    nicht ermittelt, obwohl der Server in BASE indiziert ist.

Wissenschaftlern kann empfohlen werden, ihre Dokumente auf Open-Access-Repositorien zu publizieren, die in BASE indiziert sind und die DOI der Verlagspublikation an diesen Dienst übermitteln. Repository-Betreibern hingegen sei empfohlen, ihre Server jene DOI an BASE übermitteln zu lassen – das ist ein echter Mehrwert eines Open-Access-Servers.

Hinter unpaywall stecken übrigens die Begründer des altmetrics-Dienstes impactstory, Heather Piwowar und Jason Priem.

Update, 12.04.2017

Philipp Zumstein ergänzte völlig korrekt, dass unpaywall.org nicht nur den BASE-Index nutze, sondern auch andere Quellen wie PubMed Central, das Directory of Open Access Journals DOAJ, Crossref, DataCite und Google Scholar, Details zu den ausgelesenen Quellen bietet die unpaywall-FAQ. Allerdings wollte ich in diesem Posting nicht darlegen, auf welchen Indizes unpaywall aufsetzt, sondern was Wissenschaftler und Repositorien-Betreiber beachten müssen, wenn von ihnen publizierte oder angebotene Repository-Dokumente von unpaywall identifiziert werden sollen. Dazu sind die oben genannten Hinweise angebracht, da PubMed Central, das DOAJ sowie Crossref Repositorien ignorieren, DataCite meiner Meinung nach weniger Repositorien abbildet als BASE und Google Scholars Indexierungsquote pro Repository unklar ist. Zudem gilt bezüglich DataCite und Google Scholar auch der Hinweis, dass ein Repository die DOI der Verlagsversion via OAI-Schnittstelle ausgeben muss, damit unpaywall die Open-Access-Version eines Closed-Access-Textes finden kann. Besten Dank aber an Philipp Zumstein für die sinnvolle Ergänzung!

 

 

Open-Access-Journale und Geschäftsmodelle

Ein kurzer Hinweis auf eine an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart erstellte Bachelor-Arbeit von Chantal Vanessa Suffner zum Thema „Wissenschaftsverlage und Open Access: Eine vergleichende Darstellung ausgewählter Strategien und Geschäftsmodelle im Zeitschriftenbereich“, ich war bei der Beurteilung der Arbeit Zweitgutachter, fand sie sehr gelungen und kann sie ausdrücklich zur Lektüre empfehlen:

Suffner, C. V. (2016). Wissenschaftsverlage und Open Access: Eine vergleichende Darstellung ausgewählter Strategien und Geschäftsmodelle im Zeitschriftenbereich. Bachelor-Arbeit, Hochschule der Medien, Stuttgart. Online:  https://hdms.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/6178, URN urn:nbn:de:bsz:900-opus4-61784

 

Welches Open Access Repository sollte man in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft nutzen?

Bisher war ich fleißiger Nutzer des Repositorys eprints in Library & Information Science E-LIS, alle meine wissenschafltichen Artikel erscheinen Open Access und ein Gutteil davon findet sich auf besagtem Server. Nun allerdings suche ich eine Alternative.

Kürzlich machte ich via E-LIS einen Artikel im Open Access verfügbar und seit einigen Tagen gehen Nachrichten Interessierter bei mir ein, die mich um eine Zusendung der Open-Access-Version per Mail bitten, da der Server nicht erreichbar ist. Dieser Zustand hält nun schon seit mindestens drei Tagen an, ein Versuch der Kontaktaufnahme über Twitter blieb erfolglos.

Die Unerreichbarkeit des Servers ist genauso unerfreulich wie die Änderung der URLs zu E-LIS-Volltexten vor einigen Jahren. Beides widerspricht den Geboten der Referenzierbarkeit und Persistenz elektronischer Publikationen. Die Änderung der URLs machte neben Ärger auch Arbeit, da ich viele Referenzen in meiner Literaturverwaltung und auch der eigenen Publikationsliste ändern musste. Auch Google Scholars Zitationszählung wurde durch diese URL-Änderungen torpediert, denn vorrübergehend wies der Dienst Zitate anderer Artikel meinen Publikationen zu: Offensichtlich waren meine Texte nun unter URLs zu finden, unter denen früher andere Texte abgelegt waren.

Ich schätze und würdige die Arbeit der E-LIS-Macher, suche aber nun Alternativen und bitte LeserInnen um Tipps. Ich sehe die Tendenz, Repositories mit DOI-Vergabe aufzurüsten, zwiespältig. Sinnvoll ist sie sicher bei Dokumenten, die gar nicht formal erscheinen (Graue Literatur) oder die beim formalen Erscheinen keine DOI erhalten. Erhalten Dokumente, die bei der formalen Publikation mit einer DOI versehen wurden, auf dem Repository eine zweite, sehe ich hingegen die Gefahr einer inkonsistenten Zitationszählung und Altmetrics-Ermittlung. Daher wäre tendenziell ein Repository ohne DOI-Vergabe nicht uninteressant.

Einstweilen habe ich den oben genannten Artikel wieder auf diesem Server veröffentlicht.

Übrigens macht der Verlag, in dem der besagte Text erschien, De Gruyter, es nicht so viel besser als E-LIS: Bislang löst die DOI des Artikels nicht auf.


Update 1: Ich teste nun mal das von Klaus Graf erwähnte The Idealis, https://theidealis.org/

Update 2, 19.03.2017: Klaus Graf griff die Diskussion auf und erwähnt diese Kandidaten:

  • Socarxiv: Ist mir fachlich nicht einschlägig genug für den genannten Artikel, für andere aber sicher.
  • HAL-SHS hatte ich nicht bedacht, jedoch ermuntert Herrn Grafs Einschätzung nicht gerade zur Nutzung.
  • Den in den Kommentaren genannten Vorschlag hcommons kritisiert Herr Graf, da es Probleme gibt, die bei der Registierung angegebene Mailadresse zu korrigieren. Ich meldete mich ohne Probleme an und lud meine Datei hoch, schön ist hier, dass die DOI der Verlagsversion und die der Repository-Version getrennt ausgegeben werden.
  • Schließlich ist noch infodata zu nennen, wo sich bereits einige meiner Publikationen finden. Das Repository ist sicher fachlich einschlägig, wirkt aber ausgesprochen spröde: Export bibliographischer Daten, Social-Media-Schnittstellen etc. sucht man vergebens.
  • Der BIB-Server ist ebenfalls einschlägig, sein Content aber nicht primär (informations)wissenschaftlich.

Noch drei weitere Nachträge:

  • Zenodo nutzte ich für den Artikel, dessen Publikation Anstoß der Suche nach einem geeigneten Repository war, aus zwei Gründen nicht: Zum einen weist Zendo die Publisher-DOI nicht so aus, wie es z.B. hcommons tut. Zum anderen erzwingt Zendo die Verfügbarmachung unter Lizenzen, die ich nur nutzen kann, wenn ich bislang allenfalls nicht-exklusive Rechte abgetreten habe. Daher scheint mit der Server für die Bereitstellung von Postprints / Preprints nur bedingt geeignet.
  • Ich warte seit Tagen auf  den Abschluss der Registrierung zu Theidealis.
  • E-LIS ist immer noch nicht erreichbar.

Pay What You Want im Open Access

Im Sommer 2015 startete der Thieme-Verlag mit dem Surgery Journal eine Open-Access-Zeitschrift, die zwar die Zahlung von Artikelgebühren kennt, bei der aber die Höhe der zu entrichtenden Gebühren von den Autoren bestimmt wird. Gestern erschien in Telepolis ein Artikel von mir, der beleuchtet wie sich dieses Pay What You Want im Falle des Surgery Journal bislang bewährt hat:

Ulrich Herb (2017). Pay What You Want und Open Access. Viel Resonanz und geringe Einnahmen. In: telepolis,  09.03.2017
Online: https://www.heise.de/tp/features/Pay-What-You-Want-und-Open-Access-3645750.html

Hier auch der Hinweis auf einen Artikel, der zum Launch des Journals erschien:

Ulrich Herb (2015). Open Access – Pay what you want. In: telepolis, 30.06.2015
Online: http://www.heise.de/tp/artikel/45/45278/1.html

Open Access – Revolution oder Goldesel?

Im Journal Information. Wissenschaft & Praxis (IWP) erschien ein Artikel mit dem Titel „Open Access zwischen Revolution und Goldesel. Eine Bilanz fünfzehn Jahre nach der Erklärung der Budapest Open Access Initiative“. Er ist eine Verschriftlichung verschiedener Vorträge, die ich letztes Jahr zur Ökonomisierung des Open Access hielt, unter anderem in Linz (Österreich) beim Symposium „Open Access, Open Data, Open Science – Von der Bewegung zum Geschäftsmodell“. Die Folien zu diesem Vortrag stehen online bereit (Open Access – Die Revolution bleibt aus), ebenso ein Radiomitschnitt.

Hier nun die Informationen zum IWP-Artikel:

Herb, U. (2017). Open Access zwischen Revolution und Goldesel. Eine Bilanz fünfzehn Jahre nach der Erklärung der Budapest Open Access Initiative. Information. Wissenschaft & Praxis, 68(1), 1–10.  DOI: 10.1515/iwp-2017-0004

Eine Open-Access-Version kann hier heruntergeladen werden sowie in wenigen Tagen nun auch aus dem Open-Access-Repository eprints in Library & Information Science E-LIS. Nach Ablauf des De Gruyter-Embargos von einem Jahr werde ich, gemäß er Open Access Policy des Verlages, von der Möglichkeit Gebrauch machen, den Artikel in der Verlagsversion auf dem Open-Access-Server meiner Universität zu publizeren.

Hier noch die Abstracts zum Artikel…

-de-

Die Erklärungen und Positionierungen zu Open Access anfangs der 2000er Jahre waren von Umbruchstimmung, Euphorie und Idealismus getragen, eine Revolution des wissenschaftlichen Publizierens wurde vielfach vorhergesagt. Die Erwartungen an Open Access lagen auf der Hand und waren umrissen: Wissenschaftlern war an rascher Verbreitung ihrer eigenen Texte gelegen sowie an der Verfügbarkeit der Texte ihrer Kollegen, Bibliothekaren an einer Abhilfe für stark steigende Journalpreise, den Wissenschaftseinrichtungen an effizienter und freier Verbreitung ihrer Inhalte. Einzig die Position der kommerziellen Wissenschaftsverlage zu Open Access war überwiegend zögerlich bis ablehnend.

Der Artikel versucht sich an einer Bilanz zum Open Access – 15 Jahre nach dem Treffen der Budapest Open Access Initiative 2001. 2016 muss festgehalten werden, dass die von den maßgeblichen Open-Access-Advokaten früherer Tage erhoffte Revolution wohl ausbleiben wird. Vielmehr scheint aktuell die Entwicklung des Open Access weitgehend von den vormals in Open-Access-Szenarien kaum erwähnten kommerziellen Verlagen angetrieben. Zwar findet sich auch Open Access in wissenschaftlicher Selbstverwaltung, dennoch bleiben die Akteure im wissenschaftlichen Publizieren bislang die gleichen wie 2001 und die schon damals bekannten Konzentrationseffekte am Publikationsmarkt setzen sich fort.

-en-

The declaration and positions on Open Access in the early 2000s spread a mood of upheaval, euphoria, and idealism, a revolution of scientific publishing was regularly predicted. The expectations for Open Access were obvious and clear: scientists wanted to share their own articles immediately with other scientist (and they also wanted to have easy fulltext access to the texts of their colleagues), librarians needed a remedy  for exploding journal prices, the scientific institutions wanted  funded research to be efficiently and freely disseminated. Only the position of the commercial publishers to Open Access was predominantly hesitant or even disapproving.

This contribution attempts to draw a balance on Open Access – 15 years after the Budapest Open Access Initiative meeting in 2001. 2016 it must be noted that the hopes of Open Access advocates for a revolution will be disappointed. On the contrary, today the development of Open Access seems to be largely driven by the commercial publishers, which were barely mentioned in the early Open Access scenarios. Although there non-commercial Open Access in scientific self-administration exists, today the actors in scientific publishing are still the same as in 2001, and the already known concentration effects on the publishing market continue.

Democratizing Academic Journals: White Paper zum wissenschaftlichen Publizieren erschienen

Anfang des Monats erschien ein von scholastica erstelltes White Paper zum wissenschaftlichen Publizieren mit dem Titel Democratizing Academic Journals : Technology, Services, and Open Access.

Als Appetitmacher sei an dieser Stelle die Einführung wiedergegeben:

„Open access for the reader doesn’t guarantee cheaper access fees for the academy. It’s time for a 21st century upending of the exorbitantly expensive corporate journal publishing system in order to give academics freedom to choose where to publish their articles and how much it should cost. Today, five corporate publishers control a majority market share of academic journals. Consequently, they control production, distribution, impact measures, and, most importantly, pricing. For years, the academic community has been trying to work with publishers to lower skyrocketing journal costs. However, the centralization of journals into fewer hands has created substantial power differentials between academic institutions and corporate publishers in journal price negotiations. Given the opposing incentives of academic institutions and corporate publishers – academia seeks to make research accessible while publishers seek profit – attempting to cut costs has proven a virtual zero-sum game.

This white paper delves into:
  • The past and present state of journal publishing
  • Current alternatives to the corporate publisher model
  • Steps to realize sustainable, open access-friendly journal models of the future
This paper argues democratization of journal publishing is the key to lowering journal production costs and facilitating OA. Members of the academic community, either at established not-for-profit organizations or through informal groups of editors and advocates, must break up the corporate publisher conglomerate by taking control of journals and developing funding, access, and distribution models that work for their disciplines. This paper explores how widespread adoption of publishing services rather than carte blanche outsourcing of publishing will allow journals to affordably and sustainably publish on their own.“

 

Das sechzehnseitige Papier kann hier heruntergeladen werden.