Steigende Anzahl der Retractions

In ihrer PLoS ONE Publikation „Why Has the Number of Scientific Retractions Increased?“ belegen die Autoren Steen, Casadevall & Fang, dass die Zahl schon veröffentlichter, danach aber aufgrund wissenschaftlichen Fehlverhaltens (z.B. Plagiarismus, gefälschte oder produzierte Daten) oder wissenschaftlicher Fehler (z.B. fehlerhafte Auswertung oder Messung) zurückgezogener Artikel zugenommen hat. Dieser Nachweis gelingt den Autoren zumindest für in der Datenbank PubMed indizierte und als zurückgezogen markierte Publikationen (bis zum Stichtag 3. Mai 2012). Die wesentlichen Befunde der Untersuchung sind:

  • Die Zahl der Retractions stieg stärker als die Zahl der in PubMed indizierten Artikel.
  • Das Zurückziehen der Artikel geschieht zusehends schneller.
  • Die Gründe für das Zurückziehen von Artikeln wurden über die Zeit vielfältiger und z.B. um Mehrfachpublikation in unterschiedlichen Journals und Plagiarismus ergänzt. Der erste in PubMed nachgewiesene und wegen Plagiarismus zurückgezogene Artikel erschien im Jahr 1979.
  • Die Zeitspanne, innerhalb der Artikel zurückgezogen werden, dehnt sich in die Vergangenheit aus. Die Autoren machen darin eine Ursache für die Zunahme der Retractions aus.
  • Der Anteil von Autoren, bei denen nur ein Artikel zurückgezogen wird und nicht mehrere, nimmt zu.
  • Das Zurückziehen eines Artikels führt meist auch zur Überprüfung früherer Arbeiten des/der betroffenen Autoren.
  • Artikel aus Journals mit höherem Journal Impact Factor werden häufiger zurückgezogen als Artikel aus Journals mit niedrigerem Journal Impact Factor, allerdings ist die in dieser Studie nachgewiesene Korrelation nicht sehr stark. Die Autoren erklären diesen Umstand mit der höheren Aufmerksamkeit, die diese Journals erregen, und der vermutlich breiteren Rezeption der darin publizierten Artikel, die wiederum zu stärkerer Kontrolle der Inhalte durch Leser führe.

Auch wenn der Artikel sehr aufschlussreich ist, bleiben einige Dinge anzumerken:

  • Die Autoren beziehen sich in ihrer Auswertung auf die Anzahl der in PubMed indizierten Artikel, behaupten aber meist Retractions allgemein mit der Zahl der Publikationen schlechthin in Relation zu setzen – was einen falschen Eindruck von der genutzten Datenbasis vermittelt.
  • Der Zusammenhang zwischen hohem Journal Impact Factor und Anzahl der Retractions ist in zahlreichen Studien wesentlich ausgeprägter und wird üblicherweise anders erklärt (s. dazu im Überblick Brembs, Button & Munafò, 2013): Die Chance, in einem high Impact Journal zu publizieren, steigt mit dem spektakulären Charakter der Einreichung, dieser findet sich aber nicht immer ohne Weiteres in den erhobenen Daten und wird daher teils künstlich hergestellt oder plagiiert.
  • Der Titel des Artikel ist irreführend. Zwar enthält er Informationen zu quantitativen Entwicklungen der Retractions, allerdings erfährt man wenig über die Ursachen der Zunahme, etwa durch Konkurrenzdruck oder die Notwendigkeit, aufsehenerregende Ergebnisse zu publizieren, um Projekte oder Anstellungen zu sichern.

 

Literatur:

Brembs, B., Button, K., & Munafò, M. (2013). Deep impact: unintended consequences of journal rank. Frontiers in Human Neuroscience., 7 DOI: 10.3389/fnhum.2013.00291

Steen R. G.,, & Casadevall A., Fang F. C. (2013). Why Has the Number of Scientific Retractions Increased? PLoS ONE, 8 (7) DOI: 10.1371/journal.pone.0068397

Retraction gegen Zahlung, Links gegen Zahlung, De Gruyter & Open Access, Library of Congress archiviert Tweets

Wie immer zum Monatsende ein kurzer Abriss zu Informationen und Ereignissen, zu denen ich nichts bloggen konnte, oder die es mir wert scheinen, nochmals erwähnt zu werden.

  • Wie Ivan Oransky in retraction watch berichtet verlangt Science Publications für die Retraction eines Artikels im American Journal of Engineering and Applied Sciences eine Gebühr von $650. Der Autor Pit Pruksathorn bat den Verlag um die Retraction, da ein Ko-Autor den Text parallel und versehentlich bei einem anderen Journal eingericht hatte, wo er ebenfalls publiziert wurde.
  • Dank einer Kooperation zwischen Twitter und der Library of Congress archiviert Letztere nun Tweets, so Harald Taglinger in telepolis.
  • Achim Sawall zeigt in einem Golem-Artikel wohin uns das Leistungsschutzrecht führen kann: Women’s Aid, eine irische Hilfsorganisation gegen häusliche Gewalt, soll laut nationalem Verlagerverband 300 € zahlen, da sie von ihrer Website auf Artikel in Onlinezeitungen über eigene Aktivitäten, wie z.B. Spendensammlungen, berichtete.
  • Im Laufe einer Diskussion in der Mailingliste ipoa-forum – Expertenforum für die Informationsplattform Open Access nahmen Marco Tullney und Hubertus Kohle den Open Access Deal der Max-Planck-Gesellschaft mit dem Verlag De Gruyter, speziell aber das Open Access Modell De Gruyters unter die Lupe. Tullneys Fazit ist ernüchternd: Open Access beschränkt sich für De Gruyter auf die pure entgeltfreie Nutzbarkeit, womit Distributions- und Bearbeitungsrechte perdu sind. Es finden auch keine offenen Lizenzen Verwendung. Der Verlag speichert zudem Zugriffsinformationen (IP-Adresse, Zugriffszeit) in der PDF-Datei.  Kohle stellte überdies fest: Die Inhalte sind nicht über Suchmaschinen findbar, die Suche nach Auszügen eines Beispielbuches führte Hubertus Kohle zu „den üblichen snippet-Abschnitten mit dem Hinweis darauf, dass es sich um urheberrechtsgeschütztes Material handelt.“ Zum Hintergrund ein Zitat aus der Pressemitteilung des Verlags: „Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) und der Wissenschaftsverlag De Gruyter haben eine richtungs-weisende Rahmenvereinbarung über die Publikation von Open Access-Büchern geschlossen. Der Vertrag bezieht sich auf zu veröffentlichende Werke, die unter der Federführung von den derzeit 80 Max-Planck-Instituten entstehen, und die für jeden Nutzer kostenfrei im Internet abrufbar sein sollen.“

Bleiben noch Hinweise zu drei eigenen Texten: Zusammen mit Björn Mittelsdorf erstellte ich den Bericht „Nutzungsinformationen elektronischer Publikationssysteme: Anwenderwünsche : Ergebnisse dreier empirischer Erhebungen“, der über das Repository e-Lis erhältlich ist. Der Report fasst die Ergebnisse sehr unterschiedlicher Untersuchungen zu Anforderungen an elektronische Publikationssysteme zusammen. Im Mittelpunkt stehen Funktionen, die auf Nutzungsinformationen aufbauen, allerdings werden auch andere Ideen diskutiert, speziell in der sehr ergiebigen Experten-Befragung. In irights.info erschien ein kleiner Beitrag zu Open Metrics und in telepolis berichtete ich von einer Initiative aus der Mathematik, die den Aufbau so genannter Overlay Journals beabsichtigt.

Transparency Index wissenschaftlicher Journale

Marcus Adams und Ivan Oransky, Betreiber des Blogs Retraction Watch, das über zurückgezogene Journalartikel informiert, fordern mehr Transparenz in der Wissenschaft durch den Transparency Index. Mehr dazu in meinem Telepolis-Artikel „Transperancy Index für wissenschaftliche Journale“ oder im Scientist unter dem Titel „Bring on the Transparency Index“:

Marcus, A., & Oransky, I. (2012). Bring On the Transparency Index. The Scientist, (1. August). Online: http://the-scientist.com/2012/08/01/bring-on-the-transparency-index

Retractions und Fehlerpersistenz in der Wissenschaft

Ein im Journal of the Medical Library Association (JMLA) erschienener Artikel von Philip Davis (Referenz s. unten) untersucht, ob und wo in wissenschaftlichen Zeitschriften erschienene, dann aber zurückgezogene Artikel trotz Retraction (also offizieller Tilgung aus der Wissenschaftskommunikation) durch den Verlag noch verfügbar sind. Gründe für das Zurückziehen bereits publizierter Artikel gibt es viele: Nachgewiesener Plagiarismus, Datenfälschungen, methodische Fehler sind nur wenige Beispiele. Verlage tun sich schwer damit, bereits publizierte Artikel zurückzuziehen, zieht doch jede Retraction die Qualitätskontrolle der Verlage in Frage. Ringt man sich verlagsseitig zu einer Retraction durch, wird das Zurückziehen daher oft eher heimlich, still und leise durchgeführt, um den eigenen Ruf nicht zu schädigen. Diese Strategie führt aber leider auch dazu, dass zurückgezogene Artikel weiterhin Teil des wissenschaftlichen Diskurses sind und diesen prägen – schließlich wurden sie bereits rezipiert, ausgedruckt oder finden sich in privaten Volltextsammlungen oder Literaturverwaltungen. Davis ging diesem Phänomen der Persistenz zurückgezogener wissenschaftlicher Publikationen nun nach und fand heraus, dass von 1.779 in MEDLINE als zurückgezogen markierten Artikeln 289 (in 321 Kopien) auf Internetseiten (die keine Verlagswebsites waren) gefunden wurden. Davon handelte es sich in 304 Fällen um die Verlagsversion. 138 der Dateien (43%) fanden sich in PubMed Central, 94 (29%) auf Websites von Bildungseinrichtungen, 24 (7%) auf kommerziellen Internetseiten, 16 (5%) auf Advocacy-Websites und 10 (3%) in institutionellen Open Access Repositories. Nur 15 in der Dateien (5%) fand sich ein Hinweis, dass ihr Inhalt vom Verlag zurückgezogen wurde. Im Online Literaturverwaltungssystem Mendeley fanden sich Referenzen auf 1.340 der zurückgezogenen Artikel (75% der Gesamtzahl). Leider überprüfte der Autor nicht, ob (und ggf. in welchem Umfang) zurückgezogene Artikel noch auf offiziellen Verlagsseiten oder in Angeboten von Publikationsaggregatoren kursieren.

Davis zieht aus seiner Untersuchung den Schluss der dezentrale Zugang zu wissenschaftlichen Informationen gefährde deren Vertrauenswürdigkeit. Als Lösung schwebt ihm ein automatisierter Dienst vor, der Leser über Retractions von Artikeln informiert. Datenbanken wie das Web of Science taugen wohl nicht als Lösung, denn sie weisen nicht oder schleppend nach, wenn ein Artikel zurückgezogen wurde. Darüber berichtet unter anderem Ralph Neumann im Laborjournal mit dem Beitrag Schlecht gepflegt und dann noch frech.

Einen von Davis vorgeschlagenen Updatedienst, der jeden Nutzer, der einen zurückzogenen Artikel als Datei auf seinem PC oder als Referenz in seiner Literaturverwaltung führt, erscheint mir technisch kaum machbar. Meine Hoffnung ruhen eher auf Community-Lösungen, wie sie etwa von den Machern des Blogs Retraction Watch betrieben werden. Mehr dazu in meinem Telepolis-Artikel über Retraction Watch.

CrossMark informiert über Versionierungen, Retractions, Korrekturen

Der bibliographische Linking-Service Crossref bietet demnächst einen höchst interessanten und längst überfälligen Service an: Mit CrossMark sollen Wissenschaftler leichter nachvollziehen können, ob ein Artikel ergänzt, aktualisiert, korrigiert oder zurückgezogen wurde. Die undurchsichtige und teils hartleibige Praxis der Verlage bei Fälschungs-/Manipulations-/Plagiatsfällen macht es für Wissenschaftler kaum ersichtlich, ob ein Artikel nicht schon längst inhaltlich beanstandet ist und ob man ihn im Licht dieses Zweifel besser nicht verwenden oder zitieren sollte. Kürzlich habe ich in Telepolis einen kleinen Beitrag über das Blog Retraction Watch verfasst, das Retractions wissenschaftlicher Artikel zu dokumentieren versucht, und darüber wie längst zurückgezogene Artikel in den wissenschaftlichen Diskurs eingehen, da kein Verzeichnis solcher Publikationen existiert. Die Retraction Watch Macher Ivan Oransky und Adam Marcus sinnieren nun in Nature (leider nicht Open Access) darüber, ob CrossMark als professionelle Registry für Artikel, deren Status sich ändert, das eigene Blog überflüssig machen könnte. Diese Möglichkeit besteht tatsächlich, denn das Konzept von CrossMark wirkt durchdacht. Allerdings ist mehr als fraglich, ob der Service offen oder zumindest entgeltfrei nutzbar sein wird. Sollte CrossMark nicht einmal entgeltfrei zugänglich sein, wäre der Nutzen äußerst beschränkt. Auf ein anderes Problem weisen Oransky & Adams im Nature-Artikel und einem kommentierenden Blog Post hin: Die Änderungen an den Dokumentinformationen, wie z.B. das Hinzufügen von neuen Correction Notes, unterliegt in CrossMark wohl keiner Peer Review.

Retraction Watch

Open Science im Post Publication Prozess: Ziehen Wissenschaftsverlage Artikel, die auf falschen oder manipulierten Daten basieren, zurück, sind die Falschinformationen oft bereits Teil des wissenschaftlichen Diskurses. Das Blog Retraction Watch informiert über den Rückzug solcher Artikel, dokumentiert die Fälle, führt Retraction-Rankings und informiert über die Gründe für die Retractions. Mehr dazu in Telepolis.